Aus den Kriegstagebüchern von:

Gero Erdmann Robert Otto v. Gersdorff

©Familienverband derer v. Gersdorff e.V.
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9. Mai 1915

Staden Lindeken

 

Gleich das erste Haus links ist das Offiziersquartier. Jedoch ist niemand zuhause, ein Bursche sagt, die Abteilung habe Waffenappell. Also dorthin. Links auf einem größeren Hof sah man schon den Rummel. Es waren 2 Offiziere anwesend, Hptm.d.R. v. Badungen, der Führer, u. Lt. Frhr. v. Lüttwitz, früher G.Schützen. Als Badungen mich sah, kam er auf mich los u. ich meldete ihm.

 

Nachdem alles Dienstliche (* Feldw. Müller stürzte gleich auf mich los u. überreichte mir 1 Brief u. 1 Karte von Muttern große Freude!) erledigt war, gingen wir zusammen ins Quartier. Das war für Belgien recht mäßig. Natürlich ein Estaminet (Das Estaminet [frz. l’estaminet, m] ist eine traditionelle Gaststätte, die typisch ist für den Norden Frankreichs [Regionen Nord-Pas-de-Calais und Picardie sowie in Belgien]. Das Estaminet kombiniert Café, Kneipe und Restaurant. Es diente der Bevölkerung als Treffpunkt, man konnte sich bei Kaffee oder Bier unterhalten und dabei etwas essen). 

 

Rechts vom Flur war Badungens Reich, gleichzeitig gemeinsamer Eß-, Wohn-, Rauch u. Lesessaal. Links hauste Lüttwitz und ein Vice Müller, letzterer mußte mir weichen. Zunächst weisten mich die Herren in die Verhältnisse der G.M.G.A.I. ein. Außer den genannten 3 war noch da Lt.d.R. Schönfeld u. ein Militärvetrinär. Lt.d.R. Hempel, der Bruder meines Döberitzer Freundes war in Roulers oder Courtrai mit seinem Zug auf Fliegerwache. Er hatte vor wenigen Tagen Lüttwitz abgelöst. Ein wenig aufregender Posten. Die Gewehre sind auf Dächern in Stellung gebracht. (Das Maschinen Gewehr 08/15 war das gängig verwendete Modell im 1. Weltkrieg. Für seine Bedienung waren 3 Mann und 3 Hilfskräfte erforderlich also bestand eine MG Einheit aus 6 Personen)

 

Nach einiger Zeit reiten die Herren nach Cortemarck (Kortemark) zu Gauger, dem sie ihren Besuch versprachen. Ich streike in Anbetracht meiner langen Reise. Unterdessen richte ich mich mit Hilfe von Hülsebeck ein u. studiere dann das Abteilungstagebuch, um etwas im Bilde zu sein. Die Abtlg. hatte mit der GKD den Vormarsch mitgemacht, neben uns u. a. bei Lens u. Warneton gefochten; Ende November Ruhe in Oostcamp bei Brügge, dann einige Zeit oben hart an der Küste eingesetzt.

 

Der rechte Flügelmann war gleichzeitig der rechte Flügelmann der Westfront! Bei Flut wurden die Munitionskästen naß. Dann wieder Oostcamp und seit kurzer Zeit hier an der Yser. Es ist ja hier eine der ekligsten Ecken der Westfront, die Abteilung hat aber eine verhältnismäßig günstige Stellung. Unterstellt ist sie hier dem RIR 215, 46. RID, 23. RAK. Die bisherige Betätigung der Abtlg. war nicht halb so interessant wie unsere in der GMGA II. Unsere Verluste waren auch bedeutend stärker. Vor einigen Tagen hat es ihnen hier allerdings etwas in die Bude gehagelt. Es war ja hier gerade der Vorstoß über den Kanal nach Lizerne zu, der erste große Gasangriff. Der Feind soll fürchterlich entsetzt sein. Wenn man 1 Korps oder 2 neulich in Reserve gehalten hätte, wäre man wahrscheinlich glatt nach Calais durchgekommen, sagt man!

 

Unser Haus war natürlich von den Bewohnern verlassen. Mit Hilfe von Hülsebeck richte ich mich ein. Das von Muttern tadellos gepackte u. mit Inhaltsverzeichnisse u. überraschenden Grüßen versehene Gepäck wurde ausgepackt etc. Die Lagerstätte war für meine Begriffe fürstlich. Ein richtiges Bettgestell mit Strohsack u. Woilachs (ein Woilach ist eine Wolldecke, die gefaltet als Satteldecke verwendet wird). Darauf wurde der famose Schlafsack verstaut. 

 

Zum Abendbrot waren die Herren wieder da. Es gab ganz anständig zu essen, der Koch scheint gut zu sein. In meine schönen Schnaps- u. Zigarrenvorräte wird die erste große Bresche geschlagen. Nach Tisch wurden Tisch u. Stühle vor das Haus gebracht u. dort nahmen wir den Mocca. Dazu das dröhnende Conzert von der Yserfront. Prachtvoll!

 

10. Mai

 

Längerer Spaziergang mit den Herren. Vor allem zu den Pferden. Ich bekam 3 Pferde. Schweren Herzens muß Lüttwitz mir seine Erika, eine reizende braune Stute abtreten. Leider hat sie sich geschlagen u. ist noch nicht zu reiten. Mein Pferdebursche ist Hildebrandt, er soll der beste Pferdepfleger sein. - Die Pferde sind gegen unsere in tadellosem Zustand, haben ja auch nicht soviel hinter sich. Den ganzen Tag sind sie hier auf der Koppel. Lüttwitz scheint ein ganz verdrehter Kerl zu sich. Er ging ne ganze Weile hinter Erika her: „Komm dochmal her, Erika, na komm dochmal her“ u. paar Stunden! Manchmal faßte er dabei mit 2 Fingern ein Schwanzhaar. Badungen war sehr stolz auf die vielen schönen Einrichtungen in der Abt. Zunächst 4 Züge à 2 Gewehre, dann Feldküche, Veterinär, Schutzschilde! Ich hob natürlich gebührend unsere Vorteile hervor. Nachmittags gehe ich mit Lüttwitz nach Staden. Wir kommen gerade zum Platzkonzert zurecht, das eine katastrophale Kapelle intoniert. Die Leute sehen in ihrer Felduniform doll aus. Als Nachbarn im Gefecht sind sie nicht sehr geschätzt. Sie gehen wohl sehr schneidig vor, aber so ungeschickt, daß sie immer wahnsinnige Verluste haben. Wie die „Bundesbrüder“. -

 

Die Instrumente u. Noten stammten alle aus Gent! - Dicht dabei war eine Kneipe, in der eine deutsche Frau mit ihrem 17jährigen Sohn tadelloses Bier verschenkte.

 

11. Mai

 

Vormittags Dienst. Lüttwitz u. ich ziehen in den Übungs-Schützengraben mit je 2 Gewehren. Besonders die neuen Leute sollen noch etwas Schliff kriegen. Dort wird gebaut, gebuddelt, Anschlagübungen u.s.w. Dann gefechtsmäßiges Exerzieren, besonders Tragen. Im Anschluß daran wird ein neues Gewehr angeschossen. Badungen zeigt mir mit Stolz einen innerhalb der Abt. erfundenen Patronenzuführer, der ev. den Schützen 3 ersetzen soll u. Ladehemmungen verringert.

 

Die Pferde werden eingehend besucht. Nach Tisch wieder nach Staden, verschiedene Einkäufe. In den vielen Kantinen gibt es alles was das Herz begehrt. - Aus einem der ersten Häuser von Staden stecken zwei dicke Belgiergäule die Köpfe aus dem Fenster. Ein witziger Anblick, der natürlich geknipst wird. Ich bin etwas im Druck, ob die Bilder alle gut werden. Gegen Abend besuchen uns einige Herren der GKD im Auto für 1/2 Stunde. Unter ihnen der Div.Pfarrer Wagel, ich glaube, der hat Gero II. (Sohn von HH) getauft. - Nach dem Abendbrot sehr anregende Unterhaltung. Wir tauschen Kriegserlebnisse aus. Die größte meiner Cognacpullen wird dabei vertilgt. Lange nach Mitternacht schieben wir uns in die Schlafsäcke ein.

 

12. Mai

 

Früh bekam ich durch Dienstzettel den Befehl, abends in Stellung zu gehen. Es war von der Div. genehmigt, daß mit 1 Zug à 3 Gewehre abgelöst wurde und zwar in einem Turnus von 3-4 Tagen u. 4 Tagen u. Nächten. - Tagsüber wird photographiert u. Besorgungen für die Stellung gemacht. Auch heute, wie an den vorhergehenden Tagen hört man einige x den Abschuß vom „langen Max“. Es ist das 17 1/2m lange 38cm Geschütz, das nach Dünkirchen schießt. (Die 38-cm-SK-L/45 (Kaliber 38 cm, Schnellade-Kanone, Kaliberlänge 45) war ein im Ersten Weltkrieg eingesetztes Geschütz der Kaiserlichen Marine und des Deutschen Heeres. Als Schiffsgeschütz konzipiert, kam es unter Bezeichnung 38cm-Geschütz Max bzw. Langer Max auch zum Landeinsatz. Es wurde von der Firma Krupp als alleinigem Hersteller schwerer und schwerster Geschütze produziert. Die „38-cm SK L/45“ besaß ein Rohr mit dem Innendurchmesser von 38 cm und zählt damit zu den größten damals eingesetzten Kalibern. Ihre Reichweite betrug bis zu 48 km) 

 

Es soll in der Gegend von Dixmuiden (Diksmuiden) stehen. Bei jedem Schuß sieht man eine riesenhafte Rauchfahne. Die feindlichen Flieger sind natürlich wie verrückt dahinter her u. wollen den Standort rauskriegen. Um sie zu täuschen, soll man ein Scheingeschütz in der Gegend aufgestellt haben, das diesen fabelhaften Qualm erzeugt. Leider kann man sich das Geschütz nicht ansehen, da es in weitem Umkreis abgesperrt sein soll. Sein Knall ist nicht ohne. Heute ist‘s an der Front ziemlich ruhig. Nach etwas hastigem Abendbrot muß ich weg. Müller meldet mir den Zug, 3 Gewehre (18 Mann). Auf Badungens Wunsch muß ich auch noch den Tschako aufsetzen. Mit Waidmanns Heil werden wir verabschiedet. Müller, der mir den Weg zeigt, und ich setzen uns an die Spitze und die Reise geht los. Bis Bixschoote (Bikschote) sind es ca. 13 km Luftlinie. Wenn wir auch trotz Abkürzungen Umwege machten, mußten wir doch langsam reiten. Damit wir nicht zu früh in den Feuerbereich kamen. Der Ritt durch den Wald von Houthoulst (Houlthulst) war herrlich. Leider fiel gleich zu Anfang ein Pferd. Wahrscheinlich Kolik, muß nach Hause geführt werden. Wir kamen auch an den Blockhäusern vorbei, in denen die Abt. mehrere Tage gelegen hatte. Mitten im Wald, muß wunderhübsch gewesen sein. Die feindliche Artillerie funkt übrigens dauernd in den Wald hinein. Sie vermuten ja mit Recht Truppen darin. Sobald man aus dem Wald heraus ist, sieht man kaum ein Haus mehr, das noch keinen Denkzettel weghat. Jetzt sehen wir auch die ersten, längst verlassenen Schützengräben. Alle voll Wasser. Die Felder sind auch hier noch gut bebaut! Dann durch ein kleines Gehölz über eine lange, neugebaute Holzbrücke. Gut gegen Entdeckung von oben abgeblendet. Mittlerweile war es nun dunkel geworden. Jetzt pfiffen uns auch schon vereinzelt verirrte Kugeln um die Ohren. Endlich waren wir in Bixschoote. Wir hielten hinter der Kirche. Das Nest schien, soweit man das beim Schein des Geschützfeuers und der Raketen sehen konnte, sehr stark mitgenommen zu sein.

 

Ich lasse gerade fertig machen u. wollte nach der Stellung in Stet Sas (südsüd-westl. Bikschote) abmarschieren, als sich 2 Infanteristen bei mir melden, sie hätten Befehl, mich in die neue Stellung jenseits des Yserkanals zu führen. Nun hatte ich aber von Badungen ausdrücklichen Befehl, nicht jenseits des Kanals abzulösen, sondern in die alte Stellung bei Stet Sas zu rücken. Diese Stellung beherrschte das ganze besetzte Gelände jeseites des Kanals. Hier mußte ein Missverständnis sein. Ich ließ daher Gewehre etc. absetzten, die Leute hinter den Häusern Deckung nehmen u. ließ mich von den Wegführern zum Bat.Stab bringen. Der Weg war miserabel. Wege, Wiesen, Felder, Schützengräben, alles ein Matsch. Hier summten die Kugeln schon recht anständig. Die Ablösungen haben hier schon meistens Verluste. Zuletzt gings einen abschüssigen Hohlweg runter zur Yser. Ich schätze den Kanal ca. 10 m breit. Das war er also, der viel umstrittene. Ich überschritt ihn mit sonderbaren Gefühlen auf dem 1/2 m breiten Brückensteg. Dieses klägliche Ding war nun unsere einzige Verbindung mit den unseren, mit der Abt., den Reserven, der Heimat. Unheimlich war das schwarze Wasser. Ein ekelhafter Gestank verpestete die Gegend. Kaum setzte ich jenseits den Fuß auf festen Boden, redete mich schon jemand an, endlich stellte er sich als Lt. ... vor, ich wäre seine Ablösung. Ich ließ mich zunächst auf nichts ein u. ließ mich zum Bat.Unterstand führen. Es waren scheußliche Verhältnisse hier. 

 

Die Unterstände waren in den ziemlich hohen westl. Yserdamm eingebaut. Zwischen ihnen u. der Yser war nur ein ganz schmaler Raum. Nun war gerade Ablösung, daher ein starker Verkehr. Es dauerte lange, bis ich mich auf dem aufgeweichten Wege zum Bat. fand. Der Unterstand war wunderhübsch. Ganz aus Holz, Tisch, Stühle, alles da. Der Bat. Führer, Hptm. v. Puttkammer, empfing mich ganz nett. Ich meldete ihm die Geschichte. Darauf sagte er, das müsse ein Irrtum meiner Abteilung sein. Sein Bat. hätte jetzt diesen Abschnitt u. läge garnicht mehr jenseits bei Stet Sas. Da wir aber an sein Rgt. 215 verpumpt seinen, müßte ich doch auch in seine Stellung. Er überzeugte mich schließlich von der Richtigkeit, da war nichts zu machen. Ich schrieb daher schnell eine Meldung an Badungen u. ließ meine Leute durch die Führer folgen. 

 

Nun kam der Mann von vorhin wieder u. drängelte auf Ablösung. Da ich Befehl hatte, den Feld. Masch.Gew.Zug ... abzulösen und von ihm mehrere 1000 Patronen zu empfangen, die wir ihm bei der letzten Ablösung geborgt hatten, sprach ich ihm meinen dahingehenden Wunsch aus. Er entgegnete, 1. sei er nicht der genannte FMG-Zug, 2. gebe er keine Patronenkästen her, er sei froh, seinen Kram beisammen zu haben. Als ich ihn sagte, ich hätte natürlich nur entsprechend weniger Patronen mitbekommen u. sei doch wehrlos, wenn was passierte, meinte er, ihm sei alles wurscht, ich würde in den Gräben genug Munition finden. Ich stellte ihm alles nochmals dringlichst vor, bei der Dunkelheit sei doch an ein Munitionssuchen garnicht zu denken. Kurz, er blieb dabei u. ich ließ mir nochmals seinen Namen sagen mit dem Bemerken, daß ich nicht verfehlen würde, sein merkwürdiges Verhalten an einer derart exponierten Stelle eingehend zu melden.

 

Beim Bat. hatten sie leider so miserable Skizzen - Karten gabs garnicht - daß ich mich kaum über meine neue Stellung orientieren konnte. Es war nur zu erkennen, daß ich in eine vorgeschobene Sappe (Schützengraben) sollte, die mit der anderen Stellung garnicht in direktem Zusammenhang ist. Als meine Leute kamen, wurde mir vom Adjutanten eröffnet, es kämen nur 2 Gewehre in die Sappe, das 3. käme in die Hauptstellung. Ich ging natürlich mit den beiden, Uffz. Mangelsdorf mit seinem Gewehr nach links. Nach mühseligem Marschieren, zuerst an der Yser entlang, dann kriechend durch matschige, zum Teil ganz eingeebnete Gräben, kamen wir endlich heil in den Sappenkopf. Dort begrüßt mich gleich Lt. Schmidt (früher 36er), den ich von Döbritz her kenne. Er schildert mir die Lage hier als nicht allzu rosig. Auf 6 m!! lag der Feind gegenüber in einer Gegensappe. Natürlich Tag u. Nacht Handgranaten, nachts außerdem Minen. Der einzige Vorteil sei der, daß man kaum von Artillerie belästigt würde. Dazu waren ja auch die Stellungen zu nah. Aber angenehm sei die Stellung jedenfalls nicht gerade. 

 

Nachdem die M.G.s ganz vorsichtig ausgewechselt waren, zog er mit seinen Leuten ab. Vorher zeigte er mir noch seinen „Unterstand“. Haarsträubend, ein ganz kleines Loch notdürftig aus Sandsäcken u. Schutzschilden zurechtgemacht. Man konnte nur kauernd darin Platz finden. Nichtmal gegen Regen bot er Schutz, geschweige gegen feindliche harte Gegenstände. Zuerst wurde nun der Sappenkopf eingehend befestigt. Es sah allerdings über alles Erwarten übel aus. Die Grabensohle war ein Schlamm. Unterstände gab es überhaupt nicht. Vielleicht 15-20 Infanteristen waren mir noch zum Schutz der MG zugeteilt. Die standen hinter ihren Stahlblenden oder hockten im Schlamm. Meine Gewehre richteten sich nach Möglichkeit ein. Eins (Uffz. Stübing, Uffz. Stübing, Gefr. Mundt) hatte ungefähr Front nach Norden, das andere (Uffz. Käther) ungefähr West-Süd-West.

 

An Schlaf war ja hier nicht zu denken und daß äußerste Wachsamkeit nötig war, sah der dümmste der Leute ein. Die Uffz. teilten die Wachen ein u. dann wurden die Granatendeckungen mit Sandsäcken u. Stahlblenden möglichst in Ordnung gebracht. Es war auch scheußlich, daß wir gar keine Deckung hatten, denn eine Mine u. Handgranate nach der anderen sauste herüber. Jedesmal wenn eine Leuchtrakete uns gegenüber losging u. mit ihrem Fallschirm über uns segelte, folgten 2 Minen. Das hatten wir schon sehr bald raus. Man mußte höllisch aufpassen u. sich, sowie die Rakete als Glühwürmchen hochpitschte, möglichst Deckung suchen.

 

Der Nachteil der franz. Raketen ist der, daß sie als glühende Funken ihre höchste Höhe erreichen und dann erst Kraft ihres Fallschirmes ganz langsam zu Erde schweben, ungefähr 1 Min. hell leuchtend. Natürlich kann sich jeder bis zu diesem Aufleuchten gut decken. Dagegen geben unsere Leuchtpistolen fast sofort Licht, allerdings nicht so lange.

 

In einem kleinen, fertig hierher gebrachten Unterstand aus Holz war das Telefon untergebracht. Dort kauerten der Telefonist, ein gans anständiger Kriegsfreiwilliger, der schrecklich viel Läuse hatte und seine Ablösung, die schlief. Beide hatten nur gerade Platz. Nach außen war das Loch durch 2 MG-Schutzschilde u. einige Lappen abgeblendet, innen brannte sogar eine kleine Lamppe. Man mußte sich vorsehen, daß kein Schein nach außen drang. Auch durfte wegen der Nähe des Feindes nur ganz leise gesprochen werden. Ich ließ mich mit dem Regimentsstab in Bixschoote verbinden und ließ dort an unser Munitionsdepot in B. (2 od. 3 Schützen) bestellen, daß morgen früh mit den Essenholern auch Munition mitgebracht werden müßte.

 

Leider fing es nun auch noch an zu regenen, was die Gemütlichkeit auch nicht erhöhte. Ich hatte glücklicherweise meinen Kommißmantel u. Regenumhang mit. In meinem Loch, in das ich mich nun verkroch, fand ich außer Überresten aller Art auch einige dreckige u. blutige Militärmäntel, deutsche u. französische. Sie waren als Unterlage ganz gut. Mein schönes Luftkissen aus d. Schlafsack leistete mir auch gute Dienste. Meinem Loch gegenüber hatte sich meine Gefechtsordonanz ein kleines Loch gebaut. Er trug in einem aufgelesenen Tornister meine Freßration etc. mit. Mit allem Nötigen bewaffnet fuhr ich in meinen Bau u. ließ ihn von draußen mit einem MG-Schutzschild u. einer Zeltbahn abblenden. Viel Andacht zum Lesen hatte ich nicht, erstens mußte ich mit meinem Licht sparsam u. vorsichtig sein, zweitens ging mir unsere Lage doch etwas im Kopf herum. Was ich bisher beim Schein der Raketen von der beiderseitigen Stellung sah, und wie es sich später bei Tage bestätigte, danach mußte ich meine Sappenstellung für vollständig verfehlt halten. Da die 2 MG nach rechts u. links flankieren sollten, konnte ich mich gegen einen Angriff geradeaus von der feindl. Sappe her garnicht wehren. Auf die paar Infanteristen war kein Verlaß, das merkte ich bald. Außerdem war die Sappe weder durch Draht- noch andere Hindernisse geschützt. Es brauchte also nur ein Dutzend schneidiger Kerls die paar Schritte in unsere Sappe mit Handgranaten zu springen und die MG samt uns waren geliefert. Ich schrieb über dies alles eine ausführausführliche Meldung an Badungen. Die Nacht verlief im übrigen ohne Zwischenfall, außer dauerndem gegenseitigem Handgranaten u. Minenwerfen. d.h. wir hatten keine Minenwerfer.

 

13. Mai

 

Beim Hellwerden sah ich mir die Stellung erst nochmal gründlich an. Leider goß es in Strömen, es war auch auf keine Besserung zu hoffen. Ich beschloß daher, meinen Apparat, den ich natürlich am Koppel hatte, durch die Essenholer nach Hause zu schicken. Diese kamen von Bixschoote, wo die Gulaschkanone das Essen etc. für uns hinbrachte. Das Zeug war aber kaum zu genießen. Erstmal war es natürlich kalt (1/2 Weg) und dann war in den engen Laufgräben in die offenen Kochkessel Lehm u. Sand gefallen und schließlich der größte Teil verschüttet, denn die Leute mußten in den stark zerschossenen Laufgräben teilweise kriechen. Ich konnte auf meinen Anteil verzichten, da mein Bursche mir vernünftigerweise Rotwein, Stullen u. Conserven mitgeschickt hatte. Mir war aber der Appetit so ziemlich vergangen. Dafür ging meine schöne Piepe aus Lens nicht aus. Auch etwas Post brachten die Leute mit. An Badungen gab ich ihnen eine ausführliche Meldung mit.

 

Als die Essenholer abgerückt waren, erschienen 3 Pioniere mit der Meldung, sie hätten 50 Schritt von uns im Laufgraben einen leichten Minenwerfer eingebaut. Gleichzeitig brachten sie einen neuen Satz Handgranaten mit, über die ich die Leute gleich von dem Pionierunteroffz. instruieren ließ. -

 

Der Tag verging bei Handgranaten u. Artilleriefeuer von wechselnder Stärke. Auch Inf.Feuer zeitweise recht lebhaft.

 

Sehr vorsichtig ging es nun an das Aufräumen der Sappe. Überall lagen Leichen umher, lauter Deutsche, allein innerhalb der Sappe vielleicht 20-30. Unsere Vorgänger hatten die Leute liegen lassen, wo sie gefallen waren. In der Stellung selbst waren sie natürlich äußerst hinderlich, man konnte ein Drauftreten garnicht vermeiden, außerdem war der Geruch auch nicht gerade angenehm. Alle erreichbaren Toten wurden hinter mein Loch auf einen Fleck gelegt, kreuz und quer, wie es gerade kam. Gräulich sah es aus. Einmal bekam ich doch einen Schreck. Ich hatte mich in mein Loch verzogen u. las, plötzlich sehe ich vor meiner Nase eine grauen, schmutzige Hand mit blauen Nägeln. Die Leute brachten gerade einen Gefallenen nach dem Sammelort, zufällig hatte sich der starre Arm an meinem Eingansschutzschild verfangen. 

 

Bemerkenswert war, daß die neuen Leute durchaus keine Leichen anfassen wollten. Die größte Grobheit tat da Wunder. 

 

Der Leichengeruch war fürchterlich. Soweit man das Gelände von der Sappe aus übersehen konnte, lag da Mann bei Mann. Bei längerem Studium hätte man erst an dem Grad der Verwesung die jeweiligen Gegner nacheinander feststellen können. Engländer u. Franzosen, in allen Schattierungen. Augenblicklich lagen uns Schwarze gegenüber, in braunen Kakianzügen u. blauen Wickelgamaschen. Das Schlimmste war, daß in der Sappe selbst Tote begraben waren, dadurch wurde d. schlammige Wasser in den Gräben besonders eklig. Überall war man beim Graben auf Leichen gestoßen und so ragte dann hier eineHand, dort ein Uniformstück aus dem Schlamm. Gerade vor meinem Loch machte sich längere Zeit der Gestank am übelsten bemerkbar, bis wir als Urheber ein halbverwestes Stück Hirnschale feststellten u. entfernten. Derartige Einzelheiten bleiben unvergeßlich; solange man durch den Feind nicht in Anspruch genommen war, hatte man ja Muße, über Kleinigkeiten stundenlang nachzudenken.

 

So galt mein besonderes Interesse einem gefallenen Deutschen, der genau meinem Loch gegenüber, oben auf der Grabenkante lag. Er war scheinbar vor längerer Zeit gefallen, vielleicht als Schleichpatroullie, denn er hatte das Gewehr um den Hals gehängt und lag mit dem Gesicht vornüber. Wenn ich in meinem Loch kauerte u. wollte den Himmel sehen, mußte mein Blick unweigerlich an ihm vorbei. Deshalb mein besonderes Interesse. Der arme Kerl hatte sich wohl ein Heldengrab verdient, allein dafür war kaum eine Hoffnung! Vielleicht besorgt das die Natur selbst; der Regen plätschert auf ihn nieder, wäscht ihn allmählich in die Erde und die Minen u. Handgranaten helfen nach! Der Mann hatte rötlich blondes, kurz geschorenes Haar. Mir fiel plötzlich auf, daß das Haar vor einiger Zeit noch nicht so lang gewesen sei. Uffz. Stübing, der mir gerade etwas meldete, behauptete, ihm sei es auch schon aufgefallen. - Später sprach ich mit einem Arzt über die Erscheinung. Natürlich beruhte die Beobachtung auf Einbildung. Der Aberglaube, daß Haar u. Nägel eines Toten weiter wachsen, ist außerordentlich weit verbreitet im Volk. 

 

Um zu erfahren, wie es Gewehr Mangelsdorf ging, hängte ich mich wieder ans Telefon. Vergeblich, es war nichts zu machen. Um mich genauer beim Bat. über die Lage im allgemeinen u. über das 3. Gewehr zu erkundigen, beschloß ich, abends zum Bat.Unterstand zu gehen. Stübing übernahm d. Kommando, den Infanteristen befahl ich, bei der Ablösung die Gewehre der Gefallenen u. Verwundeten mitzunehmen. Es waren leider einige Dutzend, die hier umkamen. - Mit meiner Gefechtsordonanz zog ich los. Der Weg war noch schlimmer wie nachts zuvor. Die Verbindungsgräben streckenweise gänzlich eingeebnet, knietiefer Schlamm u. Wasser. Übrigens sollten diese Gräben bei Dunkelheit von Infanterie besetzt sein, - ich sah keinen Mann!!

 

Völlig gerädert kam ich im Bat.Unterstand an. P. u. sein Adjutant sitzen am Tisch vor 2 großen Pullen Bier. Sie mußten mir anmerken, daß ich ganz erschöpft war, doch kam niemand darauf, mir etwas anzubieten. Da mußte ich dann eben selbst darum bitten.

 

Unglaublicherweise hatten die Leute nicht einmal eine genaue Karte der Stellung, nur eine höchst mangelhafte Skizze, die garnicht richtig sein konnte. Meine Sappe stimmte jedenfalls sicher nicht.

 

Dann bat ich um Drahthindernisse u. Unterstände. Leider abgelehnt mit d. Begründung, das hatte da vorn doch keinen Zweck!

 

Als ich nach meinem 3. Gewehr fragte, konnte mir weder P. noch d. Adjutant Bescheid sagen, nicht mal, in welchem Komp.Abschnitt das Gewehr lag. Auch meine Bitte um einen Mann als Führer in den Hauptgraben wurde abgeschlagen; „sie hätten momentan keinen.“ 

 

So mußte ich dann ohne jeden Erfolg mit meiner Ordonanz abrücken.  Die nächsten Stunden waren fürchterlich. Durch ablösende u. abgelöste Leute, durch Pioniere, die Material nach vorne brachten, waren die Gräben zeitweise völlig verstopft. Überall falscher Bescheid, kein Mensch wollte das Gewehr gesehen haben; dazu tiefe Dunkelheit, zäher Schlamm mit manchmal knietiefem Wasser abwechselnd, an Stacheldrähten rissen wir uns Hände u. Uniform kaputt, - nebenher unaufhörliches Feuer jeder Art - kurz, ich war am Verzweifeln und zum Umfallen müde. Oft wollte ich wieder umdrehen, aber schließlich hätte ich den Rückweg erst recht nicht gefunden. Nach mehrstündigem Umherirren fand ich endlich jemand, der gehauptete, gleich rechts, bei der 9. Komp. RGR 215 müßten „Jäger“ mit 1 MG sein. Also weiter. Bei der nächsten Komp. fragte ich nach d. Komp. Führer u. finde als solchen einen gemütlichen, dicken Res.Leutnant. Fast falle ich ihm um den Hals, als er mir versichert, mein Gewehr läge, wäre wohl u. munter, keine 50 m weiter rechts. Dann fragt er, ob er m. Namen recht gehört habe. Er hieße Siemens u. wäre ein Vetter von Onkel Georgs Frau (Lisbeth geb. Siemens). Ich fand das sehr nett, verabschiedete mich aber sehr schnell u. versprach, wiederzukommen. Das Gewehr fand ich in Ordnung, sie hatten noch keine Verluste gehabt. Die MG-Stellung war ganz gut, aber auch hier keine Spur von Unterstand. Die Leute hatten aus Zeltbahnen einen Regenschutz gebaut. Tiefer in die Erde konnten sie nicht, da sie auf Leichen stießen, die sich auch hier höchst unangenehm bemerkbar machten.

 

14. Mai

 

Ich ging nun wieder zu Siemens. Der hauste mit einem Feldw.Lt. in einem kleinen Loch, in welchem man knapp zu 2 liegen konnte, sitzen war nicht möglich. Dafür war gegenüber an der Grabenwand eine kl. Bank, die durch Zeltbahnen gegen Regen geschützt war. Rührenderweise gab mir S. zu essen u. zu trinken, so viel ich haben wollte. Ich hatte einen Wolfshunger u. habe ihn fürchterlich geschädigt. Sehr bald ging ich zum Gewehr, um dort wenigstens eine Stunde zu schlafen, ich konnte vor Müdigkeit kaum mehr stehen. Beim Gewehr kauerte ich mich in eine Ecke, konnte aber durchaus nicht einschlafen. Endlich knapp eine Viertelstunde eingeschlafen, kamen die Essenholer. Das Zeug war wieder eiskalt u. nicht zu genießen, kein Mensch rührte es an u. der ganze Schwindel flog über die Sandsäcke. Die beiden anderen Gewehre hatten die Leute garnicht gefunden, sodaß diese auch Kohldampf schieben mußten. Für mich brachten sie noch eine Meldung von Badungen mit. Er wünscht darin eine Skizze der Stellungen. Ja, woher nehmen!

 

Die Essenholer verschwinden u. kurz darauf kommen 3 Leute vom Gewehr Stübing mit d. Meldung, Uffz. Käther und Schützen durch Minenvolltreffer getroffen, Käther sehr schwer verwundet, die Schützen tot. 

 

Auch die Infanteristen hätten Verluste gehabt. Ich schicke sofort Uffz. Mangelsdorf u. 1 Schützen hin u. der Gewehrgefreite wird hier Gewehrführer. Glücklicherweise war noch ein Rüstschütze hier. Außerdem waren hier am Gewehr der Sanit.Uffz. u. dessen Gehilfe, die im Notfall helfen mußten. Darauf ging ich sofort zum Telefon, das zwischen Gewehr u. Siemens in einem kl. Unterstand war. Dort endlose Warterei, bis ich Verbindung mit d. Regiment i. Bixschoote bekam. An meine Munitionsschützen dort ließ ich befehlen, 2 Mann sollten sobald als möglich hierherkommen, außerdem ließ ich Ersatz in Staden anfordern. Jetzt war es so hell geworden, außerdem hatte das Artilleriefeuer wieder so zugenommen, daß ich ohne ganz besonderen Grund nicht vor Dunkelwerden in meine Sappe zurück konnte. Ich verständigte davon das Batl. u. meine Gewehre.

 

Den Tag über war ich entweder beim Gewehr oder bei Siemens. Dieser sorgte geradezu rührend für mich, alles teilte er mit mir. Seine Komp. litt heute fast garnicht durch die Artillerie, daher war der Tag für uns wenig aufregend. Von der Sappe bekam ich stündlich telefonisch Meldung, zum Glück keine Verluste weiter. Mit Siemens unterhielt ich mich sehr nett. Auch er war meinen Meinung über die Unterführung hier. Eben hatte man ihn z. B. Gewehrgranaten geliefert, 2 große Säcke voll, aber keine Zünder dazu! Die ganze Geschichte klappte eben nicht. Wenn ich da an die Gefechte bei der GMGA II. denke!

 

Als es dunkel wurde, verabschiede ich mich von meinem liebenswürdigen Gastgeber u. pirsche diesmal nördlich den Graben entlang in Richtung der Sappe. Auch hier wurde ich erst einige x falsch gewiesen. Am rechten Flügel hörte plötzlich die Stellung auf, auch keine Verbindungsgräben da. Plötzlich höre ich meine MG in der Sappe schießen. Nanu? Beschleunigt geht es weiter. Unterwegs lese ich 2 volle, unbeschädigte Munitionskästen auf, 1 trage ich, den anderen immer abwechselnd 1 Infanterist, dem ich gerade begegne. Ein Mann weigert sich schon nach wenigen Schritten, ich muß erst mit d. Pistole deutlich werden, natürlich hat er nun die 3 fache Strecke das Vergnügen. Schließlich lande ich nach Durchwaten eines lächerlich tiefen Wasser-Verbindunggrabens an 1 ganz zerschossenen Haus, an welchem 1 anderer Verbindungsgraben vorbeiführt. Hier pfeifen die Kugeln anständig von jenseits des Kanals her. Ich stehe noch u. überlege, da nahen Schritte von links und ich stehe einem Mann gegenüber, beide die Pistolen vor der Nase. Diesmal nur ein Leutnant, der auf die MG-Schießerei hierher gelaufen war u. gerade zurecht kam, wie an die 30 Schwarze in den Graben gelaufen waren. Die Inf. waren zuerst ausgerissen, dann hatte er sie aufgemuntert, sie hätten einige totgeschossen, die anderen waren ausgebüxt. Dann hatten meine MG dazwischengefunkt. Schade, 5 Minuten war ich zu spät gekommen. 

 

Die Hauptgräben waren nunmehr gänzlich eingeebnet u. man mußte sich wegen des sehr starken Strichfeuers von rechts etwas vorsehen. 

 

Als ich mit einem Infanteristen durch das zerschossene Haus an meiner Sappe krieche, fühle ich, daß dort jemand liegt. Auf Frage keine Antwort. Ich taste nach ihm u. spüre an seinem Kopf eine klebrige warme Masse. Vorsichtig streichen wir ein Streichholz an u. erkennen einen Pionier, der einen schweren Kopfschuß hat, aber noch lebt. Es war einer von den Minenwerfern; unglaublich, daß diese sich nicht um ihren Kameraden kümmerten. Den Infanteristen schicke ich sofort zu den Minenwerfern, sie sollten den Mann wegholen, telefonisch würden Sanitäter gerufen werden. 

 

Von hier an war nun der Graben vollständig zerstört und ich mußte quer über die Trümmer des zerschossenen Hauses kriechen. Die Kerls in d. feindlichen Sappe paßten gut auf u. schossen wie verrückt. Überhaupt war diese Nacht eine sehr lebhafte Tätigkeit; eine Rakete nach der anderen und hinter jeder die üblichen 2 Minen. Glücklich klettere ich in die Sappe mit meinen Munitionskisten u. lasse mir melden. Es waren also eben ca. 30 Schwarze aus dem Verindungsgraben der feindl. Sappe in unsern Verbindungsgraben gelaufen. Nachdem dort der Führer, ein Feldwebel, gefallen war, flüchteten die wenigen Infanteristen, bis der Leutnant dazu kam u. die Schwarzen wieder herausjagte.

 

Nun hatten aber meine Gewehre aufgepaßt, leider hatte nur das linke diese Schußrichtung. Das Gewehr gab Punktfeuer ab auf eine Stelle, an der alle Kerls vorbeimußten. Stübing behauptete, viel könnten nicht weggekommen sein.

 

Unsere Artillerie gab fast d. ganze Nacht durch ein fabelhaftes Trommelfeuer auf d. feindl. Gräben ab. Die hiesigen Einschläge sahen prachtvoll aus. Der Feind antwortete ziemlich schlapp. Im Morgendämmern kam d. führende Uffz. unserer Infanteristen zu mir u. behauptete, sie hätten schon gestern abgelöst werden müssen; eben hätten sie die Ablösung kommen sehen, als diese aber mehrere Minen u. Handgranateneinschläge in der Sappe u. die vielen Toten gesehen hätten, hätten sie wieder kehrt gemacht. Auch hätten die Leute seit gestern nichts mehr zu essen. Ich verteilte an Stullen und Rotwein, was ich noch hatte u. meldete die Geschichte dem Bataillon. 

 

Vom Telefon kam ich kaum weg in dieser Nacht. Unsere beiden Minenwerfer warfen in ca. 5 Min.Abstand eine Mine auf den feindlichen Hauptgraben, während die Franzosen als Antwort paarmal 2 Minen warfen u. zwar immer in meine Sappe. Die Infanteristen hatten recht üble Verluste dadurch, meine MG seit gestern zum Glück keine weiteren. Das Spiel wiederholte sich so regelmäßig mit den Minen, daß ich das dem Batl. meldete u. bat, entweder die MW auch auf die feindl. Sappe schießen zu lassen, oder mal eine Weile mit Schießen aussetzen zu lassen. Ich sei überzeugt, daß unsere MW auf die weite Entfernung nichts träfen, während der Feind auf 6-8 m ja kaum vorbeischießen könnte. Außerdem sei ich überzeugt, daß d. Feind nur schießt, nachdem unsere MW geschossen haben, er bekam natürlich jedesmal von uns einen Handgrantenhagel, der ihnen auch keinen Spaß gemacht haben wird. Daraufhin wurde dann den MW befohlen, 1 Stde zu schweigen. Pünktlich nach 1 Stde meldete ich, daß auch nicht eine Mine vom Feinde geworfen sei. Darauf wurde d. Feuer der MW überhaupt eingestellt. Wir atmeten ordentlich auf. 

 

15. Mai

 

Früh um 6 plötzlich ein Krach, daß wir alle dachten, jetzt geht die Welt unter, dann sehen wir halbrechts im feindlichen Hauptgraben eine riesige Rauchfahne. Es war ein Einschlag von unsern schweren MW, die Koffer wiegen 2 Ztr. Nach kurzer Zeit ein merkwürdiges hohles Sausen über uns, da sah man ihn fliegen, ganz deutlich, er überschlug sich dauernd. Vorn hatte er scheinbar eine Spitze. Mit fabelhaftem Krach schlug er wieder ein, daß der ganze Graben dort in die Luft flog, so sah es aus. Da sah man auch schon Leute nach rechts u. links entwietzen und wir funkten eifrig dazwischen. Der Knall war viel schlimmer als der der 30,5 oder 21 cm. Es zitterte tatsächlich jedesmal die Erde, trotz 2-300 m Entfernung. Nachdem ich eine Weile zugeschaut hatte, krieche ich in mein Loch, um zu schreiben. Plötzlich fliegt nach 1 Mineneinschlag ein Minensprengstück direkt vor mir nieder. Ich hebe es auf, verbrenne mir natürlich zuerst die Finger u. tue es dann in m. Pistolenhalfter. 

 

Zuerst glaubten wir immer, wir würden mit Granaten beschossen, da sich ein ganzer Hagel von Minensprengstücken über uns ergoß.

Plötzlich - bardautz - eine Granate zwischen uns u. dem zerschossenen Haus. Wir ahnten noch nichts Böses u. glaubten, d. Franzosen würden es, wie bisher mit höchstens 2 Gruppen bewenden lassen.

 

Beim ersten Morgengrauen zählten wir unsere Strecke von der Nacht. Wir sahen, wenn ich nicht irre, 18 neue Leichen! Da können nicht viel weggekommen sein! Es kamen aber immer mehr u. immer unangenehmer. Dreck., Sandsäcke, u. Sprengstücke flogen uns ganz gehörig um die Ohren. Der Feind hatte offenbar die Besatzung aus seiner Sappe gezogen, um unsere Sappe kaputt zu schießen schießen.

 

Leider fingen nach den ersten Treffern die wenigen Infanteristen an, unruhig zu werden. Einzelne drückten sich schon in den Verbindungsgang. Plötzlich kam ein Volltreffer direkt in den Stand v. linken Gewehr. Ein Mann schrie fürchterlich auf, ich lief hin u. sah einen Infanteristen, dem beide Beine oberhalb der Knie glatt abgerissen waren. Er hatte sich in das Loch vom Gewehrführer verkrochen. u. war dort getroffen worden. Ich sah, daß nichts mit ihm mehr zu machen war, an Abbinden war garnicht zu denken; von den Beinen war nichts mehr zu sehen. Ich redete ihm gut zu, aber er jammerte ganz schrecklich: als er mich erkannte, schrie er „Herr Lt., mir hat eine Granate die Beine gequetscht, bitte eine Kugel!“ - Ich brachte es nicht über mich, ihm den Gnadenschuß zu geben, auch glaubte ich, es könnte nur Sekunden noch dauern, denn der rote Strom floß mit Macht, - das entsetzliche Schreien gab den Leuten den Rest. Sie fingen laut an zu jammern u. zu beten, einzelne alte Leute weinten u. redeten wirres Zeug. 

 

Da nun einer nach dem andern abbröckelte, zog ich die Pistole u. drohte mit Erschießen. Es machte aber keinen Eindruck mehr; die Leute waren durch die letzten Tage und Nächte in dieser Situation, ohne Unterstände und Essen, vollständig demoralisiert. Ihr Unteroffizier hatte sie ganz aus der Hand verloren u. sie erklärten, nun könnte ihnen alles egal sein, ob sie der Leutnant totschösse oder nicht, lebendig könnten sie hier doch nicht weg. Jetzt kamen auch meine Unteroffiziere und meldeten, die Deckungen u. Brustwehren seien alle zerschossen ebenso die meisten Munitionskästen. Ich lief nun zum Telefon, um mit dem Batl. zu sprechen. Bleich saßen die beiden Telefonisten in eine Ecke gedrückt u. sagten, das Telefon sei längst entzwei geschossen. Auch das noch.

 

Unterdessen waren tatsächlich die meisten Infanteristen ausgerissen. Da das Feuer unvermindert andauerte, konnte ich mir an den Fingern abzählen, wann wir alle erledigt sein würden. Außerdem, hier vorn mit 2 MG ohne Infanterieschutz war ja an sich schon ein Blödsinn. 20 Schwarze aus der Sappe hätten genügt, um uns kalt zu machen u. ich konnte dazu keinen Schuß nach vorn mit den MG tun! Also Entschluß, abrücken!

 

Ganz vorsichtig die MG aus der Stellung, die Löcher sofort mit Säcken verstopft, damit der Feind nichts sähe. Dann vorsichtig auf dem Bauch einer nach dem andern in den Graben, möglichst alles Material mit; ich trug einen Mun.Kasten. Halt an der Grabenecke am zerschossenen Hause. Ein Mann fehlte, er war trotz meiner Warnung im zerschossenen Graben nicht vorsichtig gekrochen u. war gesehen u. totgeschossen worden. Durch Stübing ließ ich alle erreichbaren Infanteristen sammeln u. eine Aufnahmestellung gegen die Sappe hin vorbereiten. Das Feuer dorthin ließ nach, verstärkte sich aber in der Hauptstellung. 

 

Ich lief nun zum Kanal, um beim Batl. zu melden. Der Kommandeur kam mir schon entgegen. Er hatte durch die verstörten Flüchtlinge Leute gesprochen. Seine erste Frage: „Nanu, sind Sie denn beschossen worden?“ - da war ich doch etwas platt. Ich meldete ihm nun die ganze Geschichte u. bat um Befehl. Er befahl mir eine Stellung in dem Verbindungsgraben, der vom zerschossenen Hause westlich abgeht. Ich sagte ihm, eine Stellung dort sei unmöglich, erstens würde ich höchstens mit der Hälfte meiner Leute heil hingelangen, zweitens böte eine Stellung dort Deckung weder gegen Sicht noch sonst was. Auch seien keine Sandsäcke oder sonstiges Material zu Stelle u. am Tage während des Feuers unmöglich zu beschaffen. Ich schlug ihm eine Stellung ganz am rechten Flügel der Hauptstellung vor. Als er ablehnt, sage ich, ich würde befohlene Stellung nochmal persönlich prüfen, dann aber vielleicht doch die andere Stellung wählen. Er macht mich auf diese Gehorsamsverweigerung aufmerksam, ich erwidere, meines Wissens wäre der MG-Führer allein verantwortllich für Stellung etc. andernfalls lehnte ich jeder Verantwortung ab.

 

Nun lief ich zu meinen Leuten, die sich immer noch sehr ordentlich hielten. Wie genau der Feind aufpaßte, zeigte sich, als einer der Kerls unvorsichtig aus dem Graben äugte. Höchstens 30 Sek. später saß eine Granate mitten in dem zerschossenen Haus, kaum 3 m von uns. Ich kroch nun voraus zu der befohlenen Stellung u. ließ die MG langsam folgen. Dort war tatsächlich nichts zu wollen, nicht einmal gutes Schußfeld war da, weil man nur Bodenwellen vor der Nase hatte.

 

Mit Stübing pirsche ich dann in die von mir in Aussicht genommene Stellung. Im Hauptgraben waren die Leute auch ziemlich im Druck, sie merkten auch hier, daß was im Gange war. Ganz am rechten Flügel suchte ich nun mit Stübing zusammen eine sehr vorteilhafte Stellung aus. Ich konnte sowohl nach Westen als auch nach Norden u. Osten feuern. 

 

Die Gefechtsordonanz holt die MG heran. Wir richten es so ein, daß die MG geladen auf d. Grabensohle stehen und nach Bedarf in eine von den nach allen Seiten in der Brustwehr vorbereiteten Stellung gebracht werden konnten. Meine guten Kerls waren, nun auch völlig erschöpft von dem Kriechen u. Tragen in den matschigen Gräben. Selbst die beiden schneidigsten, Uffz. Stübing und Gefreiter Mundt erklärten auf meine Frage, sie könnten vorläufig nicht mehr. Hier waren wenigstens, wenn auch schlechte, Unterstände. Da rechts u. links 215er waren, konnten sich meine Leute abwechselnd ausruhen, 2 schliefen bei den Gewehren. 

 

Das feindliche Feuer war sehr unregelmäßig, gegen den Hauptgraben wurde es jetzt schwächer, gegen die verlassene Sappe aber wieder sehr stark. Allmählich kamen wir nun wieder in Ruhe, die Leute bekamen wieder Zutrauen in die Geschütze. Nun ging ich zum 3. Gewehr, dort alles in Ordnung. Von dort zum Telefon der Komp. Siemens. Zum Glück war es noch heil.  An das Btl. meldete ich meine neue Stellung etc. P. gab sich damit zufrieden. Auch Regt. u. Brigade meldete ich, man war mit meinen bisherigen Maßnahmen völlig einverstanden. Eine wesentliche Bestätigung für mich in diesem Schlamassel. Außerdem erbat ich Weiterbeförderung folgender Wünsche an die Abteilung: Ersatzleute dringend, wenn möglich Ablösung für die Leute in der Nacht, da sehr erschöpft, außerdem Klagen über Zustand u. Menge von Essen u. Kaffee. 

 

Auf dem Rückwege zu den Haupt-- u. Verbindungsgraben 1 Haufen ängstlich zusammengedrückter 215er, meistens Unteroffiziere, auch Leute aus der verflossenen Sappe. Mit recht unsanften Worten jage ich sie auseinander. Plötzlich bringt mir 1 Mann vom Batl. den Befehl, um 2 Uhr die Sappe mit 1 MG wieder zu besetzen. Meinen beiden Uffz. sage ich, es solle sich einer freiwillig melden. Wie erwartet, natürlich Stübing. Ich sagte zu Mangelsdorf: „Sie haben mir doch vorhin erzählt, sie hätten Mantel u. den aufgelesenen Tornister in d. Sappe liegen lassen, nun haben sie ja beste Gelegenheit, die Sachen wieder zu bekommen“. Er erwidert: „Ach, H. Lt., da lege ich keinen Wert mehr drauf, da liegt ja der Mann mit den abgerissenen Beinen drauf, das ist ja alles blutig!“ Na, ich wußte Bescheid, fauler Zauber. -

 

Bei dem Zustand der Gräben u. der fehlenden Infanterie hielt ich den Befehl aber für undurchführbar, noch dazu am Tage. Falls noch 1-2 Schützen abgeschossen würden, war ich mit meinen 32 Schützen abgeschossen würden, war ich mit meinen 3 MG MG ganz gefechtsunfähig. Telefonisch stellte ich dies alles dem Batl. vor, - ich solle Bescheid bekommen. Bis dahin ging ich nebenan zum dicken Siemens. Der staunte als er mich sah, dreckig und blutig von oben bis unten. Er machte mich erst darauf aufmerksam, daß ich irgendwo eine Wunde hätte. Richtig, mitten auf der Stirn ein kleiner Riß, wahrscheinlich von einem Splitter vorhin in der Sappe. Auch am rechten Oberschenkel fühlte ich Schmerz, doch die Hose ist ganz.

 

Der gute S. gab mir gleich gehörig zu essen u. trinken und ich erholte mich etwas bei ihm. Er erzählte, er hätte die Schweinerei in der Sappe gesehen u. fürchtete schon, wir seien alle tot. Seine Verluste waren noch nicht schlimm. -Leider hat auch er fast nichts mehr zu trinken u. so muß ich mir von den Leuten schluckweise Kaffee oder Wasser erbetteln. 

 

Allmählich frischt das feindliche Feuer wieder auf und erreicht ungeahnte Stärke. Schuß neben Schuß, alle Kaliber tun mit - Trommelfeuer!! Ich pendele zwischen 3. Gew. u. Siemens hin u. her. Der arme Siemens ist ganz bleich geworden. Er meint, hier käme kein Mensch raus; seine Familie täte ihm leid, auch wäre es schade, daß man statt bei einem frischen, erfolgreichen Gefecht zu fallen, hier bei dieser aussichtslosen Sache ruhig zusehen müßte, bis man endlich selber totgeschlagen würde. Tatsächlich, schön wars nicht.

 

Endlich kommt Meldung, daß d. Gewehr erst 8° abends in die Sappe soll. Mit dem Befehl schicke ich schnell meinen Ordomann voraus zu den Gewehren u. verabrede noch mit Siemens, wie wirs im Fall eines Sturmangriffs machen wollten. Die Verluste im Graben mehrten sich jetzt erschreckend, von rechts u. links kamen dauernd Rufe nach Sanitätern. Gut, daß unser San.Uffz. hier war. Das Art.Feuer war jetzt wirklich über jeden Spaß. Ganz systematisch beschoss der Feind einen Teil des Grabens nach dem andern, immer von links nach rechts und wieder zurück. Der mittelste Teil litt nach meiner Schätzung am wenigsten. Ganz selten kam ein Blindgänger, aber dann kam unfehlbar auf dieselbe Stelle hinterher eine zweite Granate. Der Feind schoß ganz brillant, fast nur in oder direkt hinter den Graben. Gräulich sah so ein Volltreffer aus; dann flogen die Sandsäcke in die Luft und laut hörte man die armen Kerls schreien. Der Feind mußte auch ganz schwere Geschütze in Menge haben; das gab dann jedesmal einen Rieseneinschlag.

 

VI.

15.5.15-Bergmannstrost (inkl. Verwundung)

 

v. Gersdorff  GMGAII

 

Fortsetzung 15. Mai

 

Besonders unangenehm war es, daß unsere Artillerie sich völlig ausschwieg. Ich halte es von größter Bedeutung für den moralischen Halt der Truppe, wenn während des feindlichen Trommelfeuers auch die eigenen Artillerie kräftig feuert.

 

Direkt hinter der Rückenwehr des Hauptgrabens war ein Laufgraben angelegt, mit Zugängen zum Hauptgraben in regelmäßigen Abständen. In diesem Laufgraben dränge ich mich zum 3. MG und will nun weiter zu den anderen. Der Hauptgraben war an vielen Stellen so verstopft u. verschüttet, daß er unpassierbar war. Plötzlich schweigt das Artilleriefeuer u. einen Moment herrscht Totenstille. Verwundert sieht man sich um, als fehlte einem was. Doch schon setzt ein immer stärker werdendes Gewehrfeuer ein. Nun feuert auch unsere Artillerie, während der Feind wie unsinnig den Kanal u. das Gelände bis Bixschoote beschießt.

 

Beiderseits Sperrfeuer – wenn sie nur nicht den Brückensteg treffen! - Plötzlich stoße ich auf Stübing u. einige anderen Leute, die schreckensbleich auf mich zu stürzen. Mir ahnt schon Böses u. ich frage, wo sie die Gewehre hätten. Da stammeln sie, sie hätten beide MG da lassen müssen. Ich bekomme einen fürchterlichen Schreck, brülle sie laut an u. befehle ihnen, mir zu folgen, um die Gewehre zu retten. Da meldet mir Stübing, beide Gewehre seinen eben durch Volltreffer so verschüttet, daß sie vor 1/4 Stunde nicht freizubekommen wären. Außerdem wären eben die Schwarzen in den Graben gedrungen und folgten ihnen dicht auf. Die Gewehre hätten sie schon überrannt. -

 

Da war also nichts zu machen. Da kam die schwarze Bande tatsächlich an, im Hauptgraben waren sie schon ca. 40 m heran, in unseren lichten Reihen kamen sie auf ca. 300 m zwischen Hauptgraben und Kanal in schnellem Sturmangriff näher. Da scheinbar der Führer der Flügelkompanie gefallen war, übernehme ich auch diese.

 

Ein Teil mußte nach Westen das lebhafte Feuer erwidern, ein zweiter focht gegen den innerhalb des Grabens vordringenden Feind, den Rest nahm ich mit zum 3. MG. Dieses war durch Volltreffer aus seiner Deckung geschleudert. Ich ließ es auf die Rückenwehr setzen und gegen den Feind zwischen Graben und Kanal feuern. Alle anderen Leute ließ ich Seitengewehr aufpflanzen u. bildete mit ihnen eine Schützenlinie vom MG nach dem Kanal zu. Der Angriff stockte augenblicklich. Von den Kerls im Graben sah man nur die Bajonettspitzen, weiter heran wagten sie sich nicht.

 

Es war eine Lust zu sehen, wie die Leute jetzt plötzlich wie umgewandelt waren. Jetzt, da das nervenzerrüttende Artilleriefeuer uns nichts mehr tat, machte die Sache wieder Spaß u. alle waren bester Zuversicht. Ich erlebte da wirklich köstliche Augenblicke, Berliner, plattdütscher, sächsischer Witz wetteiferte miteinander; RGR 215 schien sehr zusammengewürfelt.

 

Ich hatte mir einen Karabiner gegriffen u. schoß mal hier mal dort mit dazwischen. Ob ich was traf, weiß ich nicht. Einmal aber ziemlich sicher. Ein baumlanger Schwarzer wollte gerade in den Graben springen. Auf meinen Schuß warf er die Arme hoch u. fiel hinten über. Da ich zuerst dauernd hin u. herlief, um die Leute richtig zu verteilen, wurde mir im Eifer des Gefechts so heiß, daß ich meinen Mantel auszog.

 

Einen Neuling, den ich erst mit herausgebracht hatte, fand ich ganz verstört in einer Ecke kauern, er behauptete, kein Gewehr zu haben! Dabei lagen sie zu Dutzenden umher! Ein gehöriger Anpfiff bringt den Mann im Menschen zur Vernunft. Meine andern Leute benahmen sich glänzend. Stübing u. Mangelsdorf bedienten das MG - unser letztes – selbst und mit gutem Erfolg. Als die erste Gefahr vorbei war, schoß ich dauernd mit in der Schützenlinie außerhalb des Grabens.

 

Die meisten Gegner waren in den ersten nördlichsten Quergraben verschwunden, einige Dutzend wimmelten in der Gegend meiner Sappe, oder der einzelnen zerschossenen Häuser von Steenstraate herum. Plötzlich wich der Feind ca. 1/2 Komp. an den Kanal zurück. Natürlich feuern wir was aus den Gewehren will, bis 1 Mann ruft: “Nicht schießen, das sind Deutsche, das ist Hilfe für uns!“ Ein Blick durchs Glas - Unsinn! Also weiter. Nachdem der erste Angriff größtenteils mißglückt oder wenigstens ganz aufgehalten war, hatten die Schwarzen das Feuer aufgenommen. Es summte u. pfiff nur in allen Tonarten um die Ohren, wir waren ja fast ihr einziges Ziel, da alles andere innerhalb des Grabens in Deckung hockt. Außerdem lagen wir dicht am MG, das ja stets das beliebteste Ziel ist.“

 

Das Feuergefecht flackerte weiter ohne wesentliche Zwischenfälle und große Verluste; der Feind schoß meistens zu hoch. Ich mochte wahrschl. so 20 bis 30 Rahmen verballert haben. Plötzlich stoppt das MG u. Stübing ruft mir zu: “Hemmung!“ Auch das noch. Damit der Feind nichts merkt, lasse ich unser Feuer verstärken. Nach einer Weile ruft mir Stübing zu, er könnte die Hemmung nicht beseitigen. Ich springe auf u. will die 10 Schritt zum Gewehr laufen. Als ich schon an der Rückenwehr bin, bekam ich plötzlich einen fürchterlichen Schlag gegen die rechte Hand. Der ganze Arm flog mit nach links hoch. A tempo riefen die umstehenden Leute: “Der Leutnant ist verwundet.“ Jetzt ging mir erst auf, was geschehen war. Die rechte Hand sah ja übel aus, ein blutiger, zerfetzter Klumpen. Von meinem Karabiner habe ich nichts mehr gesehen. Ich stand immer noch auf dem selben Fleck. Mein erstes Gefühl war erst das des Erstaunens und einer grenzenlosen Wut, die sich in weing zarten Ausdrücken Luft machte. Schmerzen hatte ich eigentlich zuerst nicht, nur ein unangenehmes Krampfgefühl im ganzen Arm. Zum Glück war der San.Uffz. Lukan fast augenblicklich zur Stelle u. legte mir einen Notverband mit Verbandpäckchen an. Ich stand immer noch in dem Zugang vom Lauf- zum Hauptgang. Einer meiner Leute zieht mich plötzlich nach rechts, dabei macht er mich auf ein feindliches MG aufmerksam, das aus nächster Entfernung die Sandsäcke der Brustwehr durchschoß. Man sah jedesmal den Sand spritzen. Der Mann meint, ich hätte fast genau in der Schußrichtung gestanden. Na, ich danke! Nun fing die Hand an, ganz gräulich zu schmerzen. Daher band mir der San.Uffz. mit einem Schützentroddel den Oberarm ab.

 

Das MG war leider immer noch nicht in Ordnung. Meiner Ansicht nach hatte es einen Schuß irgendwo. Durch das Abbinden bekam ich scheußliche Schmerzen und ich ließ es wieder aufschneiden. Es war ein grünes Schützentroddel. Man steckte es mir in die Tasche, damit es später vielleicht noch mal zum Binden benutzt werden könnte. Um mir meine Situation in Ruhe zu überlegen, legte ich mich einige Minuten zu mehreren anderen Verwundeten in einen Unterstand. Natürlich brannte die Cigarette dabei. Meinen Tschako nahm meine Gefechtsordonanz, die ja auch meine sonstigen Sachen trug. Mein Fernglas behielt ich um und benutzte es als Armschlinge. Die Pistole ließ ich mir für alle Fälle in die linke Rocktasche stecken, - Siemens hatte mir erzählt, daß man hier öfter Verwundete mit durchgeschnittener Kehle gefunden hätte!!

 

Plötzlich kam von links der Befehl, alle Verwundeten sollten nach links u. dann zurück geschafft werden. Schweren Herzens übergebe ich Stübing das Kommando u. machen ihn besonders zur Pflicht, wenn Verstärkung käme und der Feind aus dem Graben geworfen sei, mit allen Mitteln die beiden Gewehre zu retten. Der San.Uffz. sammelt alle erreichbaren Verwundeten und wir ziehen ab. Der gute Siemens erschrickt sichtlich, als er mich kommen sieht. Unter beiderseitigen guten Wünschen scheiden wir.

 

Nun wußte kein Mensch, ob der südliche Quergraben noch von uns, oder schon vom Feind besetzt ist. Los auf gut Glück. Mit dem Schützen Richter, der einen leichten Armschuß links hat, gehe und krieche ich voraus. Je weiter zum Kanal zu, desto mehr kamen wir in das wütende Sperrfeuer. Auch Gewehrfeuer von unsichtbaren Gegners bekamen wir von links u. rechts. Ein übler Moment war der Übergang über den Kanal. Der Feind wollte den einzigen Steg durchaus kaputtschießen. Östlich des Kanals wurde es eigentlich noch schlimmer. Zuerst hielten wir uns in den alten verlassenen und ganz mit Wasser gefüllten Graben. Das wurde aber auf die Dauer zu beschwerlich u. so zogen wir vor, trotz des sehr starken Sperrfeuers quer Beet zu gehen. Besonders unangenehm waren unzählige Drahthindernisse. Da waren schwierige Klettereien u. lange Umgehungen nötig.

 

Wenn ich nicht wüßte, daß hinter Bixschoote die Gefahr aufhörte, ich hätte mit dem Schuß diese Schinderei niemals ausgehalten. Aber wo lag Bixschoote? Ich ahnte es nur ungefähr, hatte ich doch den Hinweg in dunkler Nacht gemacht.

 

Endlich sehe ich in einer Art Steinbruch einen Posten stehen. Auf meine Frage nach Bixschoote antwortet der Mann nicht. In meiner rosigen Stimmung brülle ich ihn ganz fürchterlich an. Darauf zeigt er mit dem Arm die Richtung. Wir waren ziemlich richtig gegangen. Hinter dem Mann saß, wie ich jetzt erst sehe, ein höherer Offizier. Der wird sich schön gewundert haben. Wahrscheinlich war dort der Brigadegefechtsstand.

 

Begleitet von heftigem Artilleriefeuer, das uns aber absolut keinen Eindruck mehr machte, kamen wir glücklich an den Dorfeingang von Bixschoote. Dort trafen wir die erste Verstärkung, 214er. Leider marschierten die Leute geschlossen, sodaß sie schon jetzt Verluste hatten. Schütze Richter rief den Leuten zu: “Macht man schnell, vorn stehts schlecht!“, was ihm einen Anpfiff einbrachte. Natürlich machten die Leute, meist Neulinge, nicht sehr begeisterte Gesichter.

 

Das Dorf war stark zerstört u. wurde jetzt wieder kräftig beschossen. Von weitem sahen wir schon an einem kleinen Hause die Rote-Kreuz-Fahne. Hier war also der Verbandplatz. Die Sanitäter führten uns durch den kleinen Hausflur rechts hinten in ein einfenstriges Zimmerchen, früher vermutlich Küche. Dort hatte sich Dr. Appeldorn, RIR 215, etabliert. Auf einem Tisch lagen u. standen schauderhafte Marterwerkzeuge, Flaschen u. Schüsseln, die sonstige Einrichtung bestand aus 2 Stühlen u. einer Tragbahre. Der Doktor war reizend nett. Zuerst goß er jedem von uns einen Cognac oder Rotspohn in den Hals u. dann nahm er mich vor. Glücklicherweise hielt er sich nicht lange auf, sondern machte mir nur einen neuen Verband, da es sehr stark blutete. Soviel er sehen könnte, müßten einige Finger dran glauben, mehr sagte er nicht, dann gab er mir eine Morphiumspritze u. eine Tetanusinjektion gegen Starrkrampf. Mit einer Cigarette im Munde wartete ich ab, bis Schütze Richter auch verbunden war.

 

Der Feind setzte seine Beschießung von Bixschoote unentwegt fort, Als ein Brummer in das Nachbarhaus schlug, fragte ich den Arzt, ob sein Verbandplatz nicht etwas zu sehr gefährdet sei, Ja, sagte er, aber es geht nicht anders. - Auf meine Frage, was nun aus mir würde, meinte er, der erste Verwundetentransport auf der Feldbahn, die nach Houthoulst gelegt sei, ginge erst 9 Uhr abends, solange müßte ich schon warten. Das war mir aber doch über den Spaß, jetzt ists erst 6 Uhr! Nach langem Hin u. Her setzte ich es durch, daß er mich den 3-4 Stunden langen Weg laufen ließ. Er versicherte mir, wir würden unterwegs liegen bleiben, aber darauf wollte ich es ankommen lassen. Schließlich riß er mir auch den 2. roten Streifen von der Verwundetenmarke u. entließ uns mit den besten Wünschen. Im Hof kochten sich Leute Kaffee; dort sah ich einen famosen geschnitzten Pappelstock stehn. Den ließ ich mir für den Marsch geben.

 

Der Arzt ordnete an, ich sollte wenigstens bis zum “Bullenstall“ getragen werden. So ging denn die Reise los. Unterwegs hatten die Träger ihren Spaß, daß ich allein mit der Linken eine Cigarette rausholte u. sie mit dem Feuerzeug ansteckte. Nach ca. 1 km Marsch setzten die Leute ab. Wir waren am Bullenstall angelangt. Dieser bestand aus einem Bauerngehöft mit zerschossenen Dächern. Aus der Tür traten einige Ärzte, mit denen ich mich ein Weilchen unterhielt. Ab und zu kamen verirrte Kugeln singend über uns weg. Die Herren forderten mich auf, doch lieber ins Haus zu kommen, was ich ablehnte. Sie lachten u. sagten, so machten es alle Verwundeten, alle hätten eine fabelhafte Wurschtigkeit, auf eine Kugel mehr oder weniger könne es ja nicht ankommen. Die Leute hatten ganz recht. Angesichts des langen Marsches legten wir uns einen Moment aufs Stroh u. tranken ein Glas Rotspohn dazu. Das Gehöft stellte einen Verbandplatz dar, leider ließ sich der Feind durch die Rote-Kreuz-Fahnen nicht hindern, es bei Gelegenheit zu beschießen.

 

Nun wanderten wir los, zuerst immer an den Schienen der Feldbahn entlang. Auf ganz gewöhnliche Loren wurden Bretter mit Stroh oder Bahren gesetzt, darauf wurden die Verwundeten nach Houltboulst gefahren, von Pferden oder Leuten gezogen. -

 

Überall, rechts u. links feuerten unsere Batterien mit voller Kraft. Ganz dicht bei einer schweren Batterie wußte ich nicht mehr weiter. Wir gingen hin u. der Batt.Führer, ein sehr netter Mann, lud uns zu einer kleinen Ruhepause ein. Er hauste in einem famosen Unterstand über der Erde. Rechts in der Ecke stand eine Art Chaise, links Tisch u. Stuhl. Auf dem Tisch eine Art Aufsatz, an dem eine genaue Karte seines Abschnittes hing, rechts davon das Telefon. Lediglich durch die Strippe verkehrte er mit den Geschützen, die wenige Schritte weiter links standen. Die Schlacht war für ihn wirklich sehr gemütlich. Die Geschütze, 15 cm, waren alte Modelle ohne Rücklauf, aber sie schießen famos, auch dieselbe Munition wie die neuen, wie er behauptete. Um ihn nicht zu beleidigen, mußte ich unbedingt ein Schluck Rotspohn aus der Pulle annehmen, Glas vacat. Auch Richter bekam sein Teil.

 

Allmählich wurden wir doch etwas schlapp, vom Blutverlust u. Morphium, und so hakten wir uns unter und bissen die Zähne zusammen. Es war gut, daß Richter links verwundet war. - Dicht vor dem Wald von Houthoulst überholte uns ein Artill.Offizier in einem kleinen Einspänner. Er sieht wohl, daß wir nicht mehr so ganz taktfest waren u. bietet uns Platz an, was ich nach einigem Zögern annahm. Allerdings hatten nur wir beiden Angeschweißten Platz, der Kutscher saß halb auf der Deichsel, während der Artillerist nebenher marschierte. Da ich fürchterlich fror, gab er mir auch noch seinen Mantel um. Unterwegs begegneten wir viel Reserven, die nach vorn wollten. Mitten im Wald von Houthoulst hielten wir an einer größeren Lichtung, an der die Manneke Fme liegt. Hier war eine Verwundetensammelstelle, bestehend aus Baracken, von hübsch gebauten Zäunen umgeben. Hier wimmelte es von Truppen, die hier im Walde hausten. Auch ganz frische G.Schützen waren hier, sie waren zu einer besonderen Reserveformation zusammengezogen. Richter wurde eifrig nach dem Gefecht ausgefragt, die Leute meinten, so ein Artill.Feuer hätten sie doch nicht für möglich gehalten.

 

Der Artillerist blieb hier, er bot mir aber Wagen u. Mantel auch weiterhin an. Befahl seinem Burschen, nach unserer Ablieferung wieder hierher zu kommen. Zuerst ging es nun wegen der zahllosen Truppen u. Kolonnen etwas langsam vorwärts, erst als wir von der Hauptstraße abbogen, leisteten wir uns einen schlanken Trab, immer durch schönen Wald bis Houthoulst. Soweit man in der Dunkelheit was sehen konnte, schien es ein nichtssagendes kleines Nest mit einstöckigen roten Häusern zu sein. Vor einem größeren Haus, Schule oder Kloster, hielten wir. Hier war d. Lazarett. Der zunächst nur anwesende Sanitäter wußte sich garnicht zu helfen, ich mußte erst grob werden, damit er mir zunächst eine Sitzgelegenheit verschaffte. Wie ich, war auch Richter jetzt vollkommen fertig. Ich hatte außerdem recht üble Schmerzen und vor allem fror ich wie noch nie in meinem Leben. Alle Glieder flogen. Ob das nun Fieber war, oder daher kam, daß ich fast bis zur Koppel naß war, weiß ich nicht.

 

Nach endloser Warterei wurden wir endlich in einem großen Saal gebracht, in welchem ein Strohsack neben dem anderen lag. Halb ausgezogen wurden wir gleich in Woilachs verpackt. Die Wärter erzählten andern tags, ich hätte garnicht genug kriegen können, bei 7 Woilachs hätte ich immer noch vor Kälte geklappert. Endlich brachte man uns irgendein heißes Getränk u. dann kamen 2 sehr nette Ärzte, die uns augenblicklich nicht weiter helfen konnten. Von dem ganzen Aufenthalt dort weiß ich eigentlich garnichts, auch nicht, ob noch andere Verwundete da waren oder noch kamen.

 

16. Mai

 

Am nächsten Morgen wußte ich zuerst garnicht wo ich war. Trotz starker Schmerzen hatte ich doch ein prachtvolles Gefühl des Geborgenseins. Es waren doch recht schlimme Tage gewesen.

 

Jetzt hatten sich schon einige Dutzend Verwundete gesammelt. Wir alle wurden nach dem Bahnhof gebracht, um weiter transportiert zu werden. Im Schneckentempo ging die Reise los, man saß oder lag auf Bänken III. Klasse. Es war dies die Kleinbahn Dixmuide-Staden-Roulers, die durch unsere Stellung führte. Unter ihren Schienen bin ich im Schützengraben oft genug entlang gekrochen. In Staden wurden wir umgeladen in einen Verwundetenzug auf der großen Bahn. Durch den Befehlsempfänger der GMGA I., der auf dem Bahnhof stationiert war, ließ ich an Badungen telefonieren, er möchte, wenn möglich nach Cortemarck kommen. Mir war gesagt, wir hätten dort Aufenthalt.

 

Die Fahrt war lang und gräulich. Ein Viehwagen, kein Halm Stroh, wie die Heringe gepackt lagen wir da. Da der federlose Wagen auf unsere zerschossenen Knochen nicht die geringste Rücksicht nahm, gab es großes Geächze und Gestöhne.

 

In Cortemarck stieg ich aus. Der führende Arzt ließ mich erst weg, nachdem ich ihm versichert hatte, daß ich wieder käme. Als Schwerverwundeter solle ich nach Brüssel oder eine andere Stadt gebracht werden.

 

Auf 2 Sanitäter gestützt, wanderte ich zum Lazarett. Der leitende Arzt operierte, ich ließ ihn daher fragen, ob ich hier einen Abteilungsführer erwarten könnte. Er ließ mir ein kleines Zimmer anweisen, und ich legte mich dort aufs Bett. Da es ungefähr Mittagszeit war, bekam ich auch sogar was zu essen. Ich hatte ganz fabelhaften Hunger.

Nach einiger Zeit kamen dann Badungen und Lüttwitz. Nach dem obligaten Teilnahme-Stammeln gingen wir runter in den Garten, in den Lüttwitz einen Liegestuhl für mich brachte. Nun wollte ich vor allem erfahren, was aus meinen Leuten u. MG geworden war. Leider konnte mir Badungen auch nicht viel Tröstendes sagen. Er wußte nur, daß aus der Schweinerei von gestern ein großer Krach entstehn würde. Die höhere Führung, von der Division abwärts, würde wohl hart mitgenommen werden. Was sich von unsern Leuten u. MG noch gerettet hätte, wisse er nicht. Ich erzählte ihm nun einige Einzelheiten, die mich besonders empört hatten; er war ganz außer sich. So gut es ging erzählte ich ihm dann den ganzen Hergang. Er schrieb es auf und ich unterschrieb es. Manches war wohl etwas konfus, und so kam es, daß in dem Bericht an die Division, dem diese und die späteren Aussage meiner Leute zugrunde gelegt war, vieles unklar ist.

 

Das alles hatte mich so aufgeregt, daß ich ziemlich zusammenklappte. Badungen meinte, es sei doch garnicht nötig, daß ich noch weiter transportiert würde, ich solle doch ruhig hierbleiben, der Chefarzt hier, Prof. Opitz, sei ein ausgezeichneter Chirurg. Der Professor kam gerade vorbei und ich fragte ihn gleich, ob er mich hierbehalten wolle. Er sagte sehr freundlich zu und meinte, er hätte schon gleich daran gedacht, hätte aber den andern Ärzten nicht vorgreifen wollen. Ein Mann wurde zur Bahn geschickt, um dem Arzt Bescheid zu sagen und ich war sehr froh, die schöne Ruhe hier gegen den scheußlichen Bahntransport eingetauscht zu haben.

 

Badungen und Lüttwitz ritten davon mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen. Ich wurde nach oben gebracht in ein schönes großes Zimmer. Links lag Hptm. v.d. Lühe mit einem unangenehmen Beinschuß. Sehr entzückt war er zuerst sicher nicht über den neuen Gast. Ich wurde von einem Sanitäter, einem rotbärtigen Hünen, sofort in mein Bett gepackt, ein schmales eisernes Ding gleich rechts an der Wand. Ich lag ziemlich apathisch da u. hatte starke Schmerzen. Zwischen 6 u. 7 Uhr abends kam Opitz zur Visite. Mich fragte er nur, wie es mir ginge, sah sich meine Verwundetenkarte an und beschäftigte sich dann mit Lühe. Er war schon wieder an der Tür, als ich ihm sagte, es hätte so stark durchgeblutet, daß das Bett naß sei, ob ich nicht noch etwas drum gewickelt bekommen könnte. Wie ein Stoßvogel kam er auf mich los, sah sich die Bescherung an und befahl dem roten Teufel, mich gleich runter in den Operationssaal zu bringen.

 

Unterdessen war mein Bursche Hülsebeck mit den nötigsten Sachen angekommen. Der gute Kerl machte ein tieftrauriges Gesicht, als er mich in diesem Zustand liegen sa. Ich diktierte ihm sofort eine Depesche an HaHe (Bruder Hans-Henning) in Lüttich.

 

Der rote Riese nahm mich wie ein Wickelkind auf den Arm und legte mich unten auf die Schlachtebank. Mir war alles vollkommen wurscht. Nur einen Gedanken hatte ich, im Andenken an die Operation nach meiner Säbelabfuhr: wenn sie mich überhaupt betäuben, dann auch gründlich, und nicht früher anfangen, bis ich völlig weg bin. Ich sagte das auch Opitz, der beruhigte mich laufend. Und richtig, ich war noch ganz bei Besinnung, da reißen die Leute den Verband ab, daß ich denke, jetzt ist die ganze Hand ab. Es war ganz schauerlich. Von der eigentlichen Operation habe ich nichts gemerkt, sie dauerte ca. 30 Min. Ich soll abwechselnd wie ein Zahnbrecher gebrüllt oder konfuses Zeug geredet haben.

 

Dann ging es die ganze Nacht so weiter, Singen, Jammern, Pfeifen und so, in schönster Abwechslung. -

 

17. Mai

 

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, steht Hülsenbeck mit einem ganz entsetzten Gesicht vor mir; ich wußte garnicht, was los war und kam erst einigermaßen zu mir, als ich den Riesenverband sah. Nur die Spitzen von Daumen u. Zeigefinger schauten ein wenig heraus. Meine erste Frage, was man abgeschnitten hätte, beantwortete er nicht, auch der rote Fuchs nicht, den ich deshalb gröblichst beschimpfte. Als der Professor kam und mir sagte, er hätte 2 Finger, die ganz zu Mus ge- schossen waren, amputieren müssen, machte mir das, glaube ich, gar keinen Eindruck, ich war wohl von dem Äther u. Morphium noch etwas im Dusel.

 

Ganz starr war ich aber, als plötzlich Hans-Henning vor mir stand. Der gute Kerl war auf die Depesche hin auf den unglaublichsten Gefährten, wie Lokomotiven, Munitionszügen etc. die ganze Nacht durchgefahren u. war schon einige Stunden hier, hatte aber nicht zu mir herein gedurft. Ich freute mich riesig und mir tat es so wohl, jemand von der Familie hier zu haben. Neulich hatten wir beide nicht gedacht, daß wir uns schon nach 10 Tagen wieder sehen würden. Der “Kavalierschuß“, den er mir aus Scherz neulich wünschte, war doch etwas größer ausgefallen. -

 

Komischerweise begrüßte er Lühe als guten alten Bekannten. Sie hatten u.a. in Berlin zusammen in einem Gavottezirkel getanzt. Auch Bertchen! - Natürlich mußte ich alles haarklein erzählen. HaHe übernahm es, Muttern die Sache in geeigneter Weise beizubringen. Er verabredete auch mit Hülsenbeck einen geregelten Nachrichtendienst. Natürlich ließ er sich‘s nicht nehmen, mir das Mittagessen löffelweise beizubringen. Auch photographierte er uns mehrmals.

 

Mich hatte allmählich eine gräuliche Unruhe erfaßt, die mich nicht mehr im Bett hielt. Vor allem beunruhigte mich die Ungewißheit über das Schicksal meines Zuges. Lühe meinte, das sei auch neben Wutausbrüchen auf die Schwarzen, mein Hauptthema in den Nacht gewesen. Dauernd hätte ich über meinen Zug u. die MG gejammert. -

 

Schließlich ist es auch wirklich nicht angenehm, als Zugführer die Hälfte seiner Leute und von 3 MG ziemlich sicher 2 verloren zu haben. - 

 

Für den armen Lühe, dem es auch ziemlich schlecht ging, - er lag schon 2-3 Wochen - muß diese Nacht schrecklich gewesen sein.

 

HaHe verabschiedete sich nachmittags, um auf irgendeine Weise nach Lüttich zurückzukommen. Er hat ja dann noch Ostende, wo er Bause (MGA 9 - “U9“!) sah, Brügge u. Gent flüchtig besucht.

 

Gegen Abend ging es mir recht schlecht, hohes Fieber, über 40°, und Schmerzen. Morphium wurde gemeinerweise abgelehnt. Nachts konnten weder Lühe noch ich ein Auge zu tun. Unsere Burschen mußten natürlich auch wachen.

 

Ich diktierte unsere Karten, an Schierstädt, Bernuth, Obersts, EMGA u.s.w. Lühe stöhnte u. ächzte und ließ sich von seinem famosen Burschen “Fritz“ alle Augenblicke das Bein umlegen. L. hatte Pech gehabt; er saß im Unterstand, nur die Füße sehen heraus. Da treffen ihn Granatensplitter an beiden Knöcheln. Links schwer, rechts nur Fleischschuß. L. war GGr 3, jetzt R.Rgt.

 

18. Mai

 

Morgens Verbandwechsel, - sehr übel! Opitz hofft, den kleinen Finger zu erhalten. Hülsebeck schickte ich nach Staden, um meine sämtlichen Sachen zu holen. Lüttwitz hatte mich um meinen Wäschesack gebeten, weil seiner nicht mehr wasserdicht sei; ich bekomme dafür seinen alten. Auch sonst stifte ich ihnen manches. Den nach meinem Schuß abgesetzten Tschako u. Koppel brachte er zum Glück auch mit, die Gefr.Ordonanz hatte sie nicht aus den Fingern gelassen. Aber mein Umhang u. der schöne Kommissmantel waren futsch. Der Unhang war in d. Sappe geblieben; in dem Mantel steckten 100 Cigaretten, meine kleine Feldpulle, Feldmütze u. andere schöne Sachen. Schade, schade!

 

19. Mai

 

Badungen kommt u. bringt die Freudennachricht, daß alle 3 Gewehre gerettet seien. Die Schwarzen seien mit Hilfe der Reserve wieder ganz aus den schon gewonnenen Gräben geworfen worden. Unsere Leute buddelten schnell die Gewehre, die der Feind garnicht bemerkt hatte, aus. In der Nacht 15.-16.V. wurde dann die ganze Stellung westlich des Kanals freiwillig aufgegeben. Dem Feind seien immerhin einige MG der Infanterie, einige kleine und wohl ein schwerer Minenwerfer in d. Hände gefallen. Großer Krach bei AK, der Div.Kommandeur und mehrere andere Leute - auch Puttk.? - abgehalftert. Man erzählte sich, der Div.Kom. habe das EK I oder sonst was noch nicht gehabt. Kürzlich bei dem 1. großen Angriff mit Gas habe er Befehl gehabt, nur bis an den Kanal zu gehen, nicht hinüber. Er hat sich aber wohl einen Namen machen wollen u. ist doch rüber gegangen. Verlockend muß es ja gewesen sein, denn d. Feind büxte besinnungslos aus vor dem Gas, westlich Lizerne kein Gegner zu sehen. Ja, nun Reserven um nachzustoßen! War aber nichts da. So ging Lizerne wieder verloren und der 15. war das Ende vom Lied. Wenn hier eine Offensive geplant war, war ja unsere Stellung als Brückenkopf unbezahlbar u. mit allen Mitteln zu halten. Wenn nicht, war sie völliger Selbstmord. Nun waren alle unsere Opfer umsonst! - Badungen erzählte noch, Stübing habe bald nach mir einen schweren Kopfschuß bekommen, an d. Front sei es jetzt ganz ruhig u. sie kämen nächstens nach Houthoulst ins Quartier. Ich hatte also in den üblen Tagen gerade die Sahne abgeschöpft! -

 

Cortemarck

 

Die nächsten Tage u. besonders Nächte waren schlimm. Wir beide hatten völlig die Nerven verloren, hatten keinen Moment Ruhe u. tobten manchmal wie die Verrückten. Die Burschen hatten nichts zu lachen. Tagsüber ging es noch. Wir lasen, rauchten, - d. Professor erlaubte aber nur wenig - wir erzählten uns was. Sehr bald wurden wir gute Freunde. L. war ein reizender Mann, kriegsgetraut mit einem Frl. v. Mark. Wir trösteten uns gegenseitig und rechneten aus, wer zuerst wieder felddienstfähig sein würde. Reizend war das Verhältnis zu seinem treuen “Friiitz“.

 

Gemeinsamen Druck hatten wir immer, wenn die Stunde des Verbandwechsels nahte. Dann hatte es der “rote Teufel“ oder “Barbarossa“ schlecht. Der war übrigens Elsässer, dicht von der Grenze; sein Vater war 70 unser Feind. Natürlich sprach er fließend Französisch, ich stellte das zufällig fest, als er mir in der Kloster-Turnhalle (oder Eßsaal?) die franz. Sprüche glatt las u. übersetzte. Ein rührender famoser Kerl! - 

 

Ganz schlimm war für uns beide die Nacht zum Pfingstfest (2.03.) Ein ganz fürchterliches Gewitter machte unsere Nerven so verrückt, daß wir ganz verzweifelt waren. Allmählich sank mein Fieber und ich durfte kurze Zeit hinüber in den Garten gehen. Es gab einen großen Obst- u. Gemüsegarten. Mit meinem Photoapparat machte ich alles unsicher. Leider waren die Nonnen, die Tuche und unsere Wäsche unter sich hatten, so scheu, daß nichts zu machen war. Einmal habe ich sie aber doch gehascht, als sie es merkten, stoben sie auseinander. Auch eine hübsche französische Offiziersfrau war dabei, ihr Mann war gefallen. -

 

Den Kanonendonner hörte man noch recht gut, ein einziges gleichmäßiges Rollen. HaHe hatte nicht schlecht gestaunt. -

 

Gerade an einem schlimmen Nerventage erschien Badungen mit einem Generalstabsmajor an meinem Bett. Ich mußte nochmal verschiedene Angaben über die Gefechtstage machen. Zum Schluß sagte der Major, er müßte mir gratulieren, wir würden vom neuen Div.Kommandeur wahrscheinlich eine besondere Anerkennung bekommen. Eine Zentnerlast fiel mir von der Seele und in meiner Aufregung kamen mir die Tränen in die Augen. Die Beiden bekamen es wohl mit der Angst, sagten, ich möchte mich nur beruhigen und verschwanden eiligst.

 

Eines nachmittags erschienen einige Unteroffiziere, die ich mit hinausgenommen hatte und mein famoser Pferdebursche Hildebrand. Es war mir recht vernünftig, als ich sie davon reiten sah.

 

Die Verbindung zwischen der Abtlg. und mir besorgte ein Radfahrer, der mich auch rasierte. Der Mann konnte alles. Die Abteilung kam jetzt nach Houthoulst ins Quartier. Badungen u. Lüttwitz erschienen am 22.V. zum letzten Mal. Wir gingen zusammen in das Offiz.Kasino der hiesigen Etappenformationen. Im Garten tranken wir Kaffee. Die Herren hatten viele Neuigkeiten. Vor allem war in der Div. eine größere Reinigung vor sich gegangen. Badungen sagte u.a., den Div.Befehl, den er mir noch abschreiben lassen wollte, könnte ich mir einrahmen lassen. Die GMGA I., also mein Zug, sei besonders lobend hervorgehoben und Exz. hätte sich nach meinem Befinden sehr nett erkundigt bei ihm. Im Übrigen werde er mich zum EK I einreichen. - Ich wußte garnicht, was ich dazu sagen sollte. Als ich mich etwas gefaßt hatte, bat ich ihn, Uffz. Stübing und Gefr. Mundt auch zur 1.Klasse einzureichen. Beide waren ja glänzend. -

 

Ich machte auch wieder einige Aufnahmen. Dann erzählten die Herren, der “lange Max“ soll verraten sein; vom Quartier aus hatten wir täglich bei Abschuß seine Rauchfahne gesehen, kein Muff durfte auf 2 km Umkreis heran. Jetzt soll ein übergelaufener, verrückt gewordener deutscher Offizier die Stellung verraten haben. Am 16.V. haben die Franzosen 2000 Granaten in seine unmittelbarste Nähe geschossen, zum Glück ohne ihn zu treffen. Am 15. sollen von RIR 215 auch einige verrückt geworden sein, mir kam es gleich so vor.

 

In den letzten Tagen hatten wir festgestellt, daß ich Läuse hatte. Hauptsächlich sammelten sie sich im Verband, das war eine Qual! Mit einer Hand waren sie sehr schlecht zu fangen und ehe Hilfe kam, waren die Biester meist weg. Barbarossa mußte oft Jagd machen. Lühe hatte große Angst, daß ich ihm einige absetzte. Prof Opitz meinte, ich solle am 22. baden u. mich entlausen, dann neuer Verband und wenn ich am 23. nicht über 38° Temperatur hätte, könnte ich nach Deutschland fahren.

 

22. Mai

 

Meine Freude war große. 2 Leute brachten mich zur “Badeanstalt“. Sie war in einem Gebäude in der Nähe der Kirche und des Kirchhofes untergebracht. Eine Sanitätskompanie hatte sie unter sich, ebenso ein “Lausoleum“, das an der nächsten Straßenecke durch ein großes Schild kenntlich gemacht war. -

 

In einem kleinen Raum war eine Wanne aufgestellt, mehrere Leute schleppten warmes Wasser herbei, andere zogen mich aus. Ein Mordsbetrieb. Während die Sanitäter ihres Amtes walteten - einer mußte wie ein Schlappfuchs meinen Arm aus dem Wasser halten - brachte Hülsenbeck meinen Gefechtsuniform zum Lausoleum und ich zog die andere an. Eine Wohltat war das Bad, frische Wäsche u. Uniform. Und keine Läuse mehr! - Draußen erwartete mich schon mein Nachfolger, ein Offizier von der hier hausenden Bäckereikolonne. Erzählte Mordsgeschichten und nannte märchenhafte Zahlen von seiner Bäckerei.

 

Rechterhand war ein Papierladen, in dem ich Verschiedenes kaufte. Plötzlich erscheint dort ein Sanit.Unteroffizier u. meldet, meine Felduniform könnten sie nicht ohne weiteres entlausen. In den Dämpfen gingen Stickerei u. Lederbesatz kaputt. Nach Möglichkeit würden sie die Läuse so entfernen. -

 

Mein Bursche hätte auch meinen Namen genannt, ob das denn richtig sei. Sie hätten am 23.8.14 einen Leutnant meines Namens begraben. Mich überlief es eiskalt. Auf meine Aufforderung hin erzählte er dann Folgendes: Die Sanit.Komp. kam frisch aus Deutschland. Am 23.8., dem Tage nach Stiederns Tod, marschierten sie auf der Straße nach Bertrix. Da sahen sie links einen Schritt im Walde einen deutschen Offizier liegen, den Helm auf dem Gesicht. Der Führer habe befohlen, die Leiche mitzunehmen, da es der erste Tote sei, den sie sahen. In Bertrix wurde E. (Bruder Eberhardt) in der Totenhalle des Kirchhofs gelegt; ein in der Nähe abgestürzter deutscher Fliegeroffizier lag schon darin. Die Offiziere u. Ärzte hatten dem Begräbnis beiwohnen wollen. Es kamen aber soviel Verwundete vom 22. u. 23., daß es nicht möglich war und, daß der maire und curé beauftragt wurden die Offiziere zu begraben. In einer Ecke des Kirchofes zu Bertrix seien die Gräber – also war das Grab an der Chaussee ein fremdes? Auf meine Frage nach dem Regiment sagte er, sie hätten sich noch gewundert, daß der Offizier den Namen seines Regiments trage. Ein Irrtum sei ganz ausgeschlossen, seine Kameraden könnten auch alles bestätigen. -

 

An der nächsten Ecke, unterm Schild des Lausoleums war das Büro der Komp. Dorthin ließ ich alle Leute kommen, die etwas von der Sache wußten. Es sei ja der erste Tote im Feldzug gewesen, den sie sahen, das vergißt man nicht. Alle bestätigten die Angaben des Uffz. Ich sprach auch den Mann, der E. am Kopfende aufhob und in den Krankenwagen hob. Rechts im Hinterkopf habe er eine Schrapnellkugel-Einschuß gehabt, sonst sei er garnicht entstellt gewesen. - Ich hatte gar keinen Zweifel, daß durch diesen Zufall Eberhardts Grab nun endültig sicher festgestellt sei! Adresse etc. ließ ich mir von den Leuten aufschreiben. Zum Überfluß traf ich draußen noch einen Apotheker, der mir auch alles bestätigte. -

 

Als ich im Lazarett ankam, begrüßte mich Lühe mir der freudigen Kunde, seine Frau käme morgen als Schwester, nun habe alle Not ein Ende. Er freute sich wie ein Kind, - ich hatte andere Gedanken. Ein geradezu romanhaftes Erlebnis, dadurch daß der eine Bruder verwundet wird und Läuse hat, findet er genau nach 9 Monaten das richtige Grab des gefallenen Bruders! -

 

Durch das Bad und den Verbandwechsel war ich die Läuse tatsächlich los. Die letzte Nacht, zum 1. Pfingstfeiertag wurde noch ganz schlimm. Es war die schon erwähnte Gewitternacht.

 

23. Mai

 

Vormittags gab mir der Professor die Erlaubnis zur Reise. Hülsebeck packte meinen ganzen Kram zusammen, während ich mich im Garten sonnte und dann dem Feldw.Lt. Tauzer Abschiedsbesuch machte. Er lag nebenan und ich hatte ihn in den letzten Tagen öfter besucht. Es ging ihm nicht sehr gut. Vor 14 Tagen erst hatte ich ihn auf der Durchreise besucht, damals ahnten wir nicht, daß wir so bald nebeneinander liegen würden. Unten in einem Saal war Feldgottesdienst. Der Feldprediger war morgens oben bei uns gewesen und hatte mich dazu aufgefordert. Der Saal war sehr nett geschmückt. In langen Reihen lagen die Verwundeten in hölzernen Betten, an jedem Bett ein großer Birkenzweig. Pfingsten! Nach dem Gottesdienst machte ich Aufnahmen in dem Saal, leider nichts geworden. Nebenan in einem andern Saal lag hinten in d. Ecke ein Franzose mit Armschuß. Grimmig schaute er um sich; sein Arm war hochgebunden. Außerdem ein 15jähriger Belgier! Kadett.

 

Als ich oben erschien, war Frau v. d. Lühe schon da, eine nett aussehende blonde Frau. Beide waren selig. Ihr war als Schwester erlaubt, ihren Mann zu pflegen. - Plötzlich bekam ich Nachricht, daß ich mit 2 Ärzten nach Thourout per Wagen fahren könnte. Es dauert zwar länger, ist aber angenehmer als Viehwagen. Gerührter Abschied vom Ehepaar Lühe und Opitz. O. operierte gerade, ich machte noch schnell eine Aufnahme von ihm, er in Gummihandschuhen. -

 

Netterweise hatte mir Badungen meinen Burschen für die Fahrt zur Verfügung gestellt. Dessen Freude war groß. Um 4 Uhr hielt der Wagen vor der Tür. Einige Kissen für meinen Arm und die Reise ging los. In einem anderen Lazarett holten wir die Ärzte ab und nun gings in schlankem Trab nach Thourout. Schien ein ganz nettes Städtchen mit alten Gebäuden zu sein. 1/2 Stunde mußten wir auf den Zug warten. Freundliche Schwestern gewährten mir solange Unterkunft in ihrer Holzbude, in der sie Sommer u. Winter standen u. Kaffee etc. an die Truppen austeilten. Der Dienst muß sehr anstrengend sein dort. Vor der Abfahrt wollte man mir noch mein Fernglas wegnehmen. Es müssen alle Waffen und Ausrüstungsstücke von Verwundeten draußen gelassen werden, falls sie nicht Eigentum sind.

 

Endlich kam der Lazarettzug, einige Dutzend Verwundete wurden noch verladen und ich bekam 1 Abteil II. Cl. Hülsebeck manchte mir mit Hilfe von Schlaf- u. Wäschesack ein ganz feines Lager zurecht. Wir fuhren über Brügge, Gent, Brüssel, vorläufiges Ziel war Cöln. Die Fahrt bekam mir sehr schlecht, von Schlaf war keine Rede. In Gent hatten wir mitten in der Nacht endlosen Aufenthalt. Ich wollte hier an HaHe nach Lüttich telegraphieren. Eine Schwester sagte mir, wenn ich wollte, könne ich auch telephonieren. Das besorgte sie mir dann auch sehr nett. Das Telephon war auf dem Bahnsteig im Verbandzimmer. Die Schwester vom Dienst erneuerte hier gerutschte Verbände u.a., ohne jede Hilfe. Schießlich hatten wir Lüttich, HaHe war aber nicht auf dem Büro, es sollte ihm aber bestellt werden. - Dann luden mich die Schwestern vom Verpflegungsdienst in ihre Bude ein. Sie hatten sich alles zusammen requiriert, die ganze Einrichtung. Ich wurde in einen Liegestuhl gesetzt u. die Schwestern erzählten Mordsgeschichten.

 

Zur Weiterfahrt wollte ich ein Schlafmittel haben, leider gab es nur Aspirin. 1-2 Stunden habe ich schließlich doch geschlafen. Den friedlich pennenden Hülsebek beneidete ich. Unendlich froh war ich, als es hell wurde und die gräuliche Nachtfahrt überstanden war.

 

24. Mai

 

Um meine Films wenigstens noch im Feindesland abzuschließen, funkte ich dauernd aus dem Zuge. Mit einer Hand war das sehr schwierig, es ist auch kein Bild gut geworden. Hülsebeck unterstützte mich mit einem sehr vereinfachten Verfahren, indem er den Film gleich von Nr. 1 auf Nr. 6 drehte! Nebenan saß einsam ein Fußartillerist, Lt. Schulz, Magdeburger Gegend, Erholungsurlaub. Wir biederten uns an und unterhielten uns sehr nett. Er schenkte mir 2 Bildchen, seine Stellung, Gegend Langemarck! - In Löwen (Leuven/Louvain) bekamen wir Morgenkaffee.

 

Gegen Mittag Ankunft in Lüttich. Programmmäßig war nur 45 Min. Aufenthalt. Kein HaHe zu sehen. Der Stationsobermohr brachte mich in den Offiz.Speiseraum, wo man sehr gut zu essen bekam. Es war noch knapp 1/4 Stunde Zeit, da endlich erschien HaHe. Er schien hier sehr bekannt zu sein, wir beide in der gleichen Uniform erregten einiges Aufsehen. HaHe fuhr bis zur Grenze mit. Sein Erstaunen war groß, als ich ihm von der Entdeckung des richtigen Grabes erzählte. Natürlich wollte er sobald als möglich nach Bertrix fahren und das Grab öffnen und dann anständig herrichten lassen. Auf der Grenze schieden wir, nicht ohne uns gegenseitig mit Films beschossen zu haben. -

 

In Cöln erfuhren wir, daß der Lazarettzug nach Breslau gehen solle. Schulz stieg natürlich aus, er war ja nur Gast. Ich hatte garkeine Neigung erst nochmal ganz Deutschland zu durchqueren, ehe ich in ein ordentliches Bett kam. Kurz entschlossen drückte ich mich schnell aus dem Zug, trotz des Verbots des Laz.Zug-Führers. Hülseb. mußte ganz heimlich meine Sachen herausholen. In einer kleinen Bude auf dem Bahnsteig wartete ich die Abfahrt ab und ließ mich dann beim Bahnhofskommandanten melden. Dem erzählte ich die Geschichte u. bemerkte außerdem, ich habe mich schon in Halle bei Geheimrat Oberst angemeldet. Zuerst war er ja etwas ungnädig, aber schließlich wars ja nicht mehr zu ändern und der Zug war weg.

 

Schulz und ich beschlossen nun, über Hannover zu fahren und dort die Nacht zu bleiben. Der Zug ging erst spät nachmittags. So gingen wir denn in die Stadt. Selbstverständlich zuerst in den Dom. Das ist doch was Wundervolles. Die Riesenausmaße, die prachtvolle Innenarchitektur machte einen starken Eindruck auf mich. Wie in jeder katholischen Kirche störte und bedrückte mich der aufdringliche Prunk der Altäre, Bilder etc. p.p. -

 

Dem Dom gegenüber stärkten wir uns kurz in einem berühmten Restaurant (Rose?). Daran schlossen wir eine Dampferfahrt nach dem Zoo. Rechts sah man die verlassenen Gebäude einer Riesenausstellung liegen. Während der Fahrt - meine erste auf dem Vater Rhein! - hat man einen prachtvollen Blick auf den Dom und die Rheinbrücken. Dicht an der Haltestelle tranken wir in einem Gartenlokal Kaffee und fuhren wieder zurück. -

 

Dann Abfahrt und spät nachts Ankunft in Hannover. Natürlich wohnten wir bei Kasten (Hannovers einziges 5* Hotel). Ich war totmüde und habe, glaube ich, noch nie so gut geschlafen.

 

25. Mai

 

Als ich zum Frühstück herunterkomme, begrüßt mich der Portier mit meinem Namen, ich erkenne in ihm den alten Portier von Bode (Halle)! Er war tief gerührt. - In Braunschweig steigt Schulz aus, ich gebe ihm ein Anmeldetelegramm an Geh.Rat Oberst mit. Bei unserer Ankunft in Halle, nachm. erregten wir einiges Aufsehen. Die Leute benahmen sich ekelhaft, zu Dutzenden umdrängten sie mich u. den vollbepackten Hülsebeck. Wir haben Glück und fassen das einzige Auto. Im Wartezimmer mußten wir erst eine Weile warten, bist der Geheimrat kam. Er war reizend nett und nahm mich natürlich gerne auf.

 

Bergmannstrost

 

Ich bekam Zimmer 96 auf Station V zugewiesen. Rechts und links nebenan lagen noch 2 verwundete Offiziere, Kuhlau, Res.Ul.1, weniger angenehm, Vorreyer, aktiv Abtlg. Inf.Regt.18, ordentlicher Mann. Er lag mit schwerem Fußschuß (Masurenschlacht) seit Aug. 14. Der andere hatte ein Bein bis obenhin verloren. -

 

Ich mußte ins Bett, Hülebeck machte mir noch einige Besorgungen und fuhr dann wieder ab. Er strahlte, als ich ihm nach langem Zaudern erlaubte, über Berlin zu fahren, damit er dort 2 Stunden seine Eltern sehen konnte. 

 

Ich war froh, daß ich nun endgültig geborgen und in besten Händen war. Da die lange Reise mich auch sehr angestrengt hatte, schlief ich wie eine Ratte. Am nächsten Morgen mußte ich hinunter in den Operationssaal, - der Geh.Rat wollte sich die Sache ansehen. Es war eine Wohltat, wie vorsichtig man hier den Verband abnahm. In Cortemarck gings anders zu! - “Na“, sagte Oberst, “das ist ja ein ganz ordentlicher Defekt.“ Sonst war er zufrieden, auch nicht übertrieben viel Eiter. Von Opitz mußte ich ihm bestellen, er würde sich wahrscheinlich wundern, daß soviel Haut fehle. Die habe er aber nicht abgeschnitten, die sei abgeschossen. -

 

Leider durfte ich b. a. W. nicht aufstehen. Frau Oberst besuchte mich und brachte mir Blumen; zu nett, sie kam dann jeden Tag. Frl. Barbara, die hier auf Stat. IX. Schwester ist, ist auf Urlaub bei Hardenbergs in Wiederstadt. -

 

Unsere Schwester Gertrud war eine von der allerbesten Sorte; jeden Tag gleichmäßig freundlich, gebildet, unbestechlich. -

 

Ein großes Glück war, daß Mutter schon am ... kam. Ganz plötzlich stand sie im Zimmer. Die Wochen sind sehr schwer für sie gewesen. Die Reaktion meiner Nerven machte sich jetzt sehr unangenehm bemerkbar. Wenig oder garkein Schlaf und eine ewige Unruhe. Deswegen schlief sie die ersten Nächte bei mir auf der Chaise, dann war ich doch so unbeholfen, daß sie eben meine rechte Hand sein mußte. Das Alles hat sie mit einer so rührenden Ausdauer wochenlang gemacht, wie es eben nur eine Mutter fertig bringt.

 

Recht übel waren trotz der Vorsicht doch jedesmal die Verbandwechsel. Scheußlich, wenn der Oberwärter Blank oder unsere Anna mich dazu rief. Meistens verband mich der famose Oberarzt Dr. Zimmermann. Schwester Barbara oder die gefürchtete Oberschwester Marianne (v. Bansdorff) halfen öfter dabei. Oft hatte ich Gelegenheit, Operationen anzusehen. Es kamen ja hierher nur Schwerverwundete, fast täglich wurde eine Leiche abgeholt. -

 

Natürlich bekam ich sehr oft Besuch, was mir zuerst garnicht angenehm war; ich wollte keine Menschen sehen. Später wurde es gerade umgekehrt. Öfter kam Gabriele Gersdorff, auch Tante Anna, Frau v. Drasigk-Zehnsdorf, Herr u. Frau v. Zakopewski-Oppin. Einmal kamen auch die beiden Weidlichs (2 schw.Res.R.), frisch und gesund, auch Landrat Weidlich einmal. Alle brachten jedesmal Blumen oder Obst u.s.w. mit. Schrecklich wurde man verwöhnt.

 

Als ich aufstehn durfte, wurde es, jedenfalls für ein Lazarett, sehr nett. Entweder war ich hinten im Verwundetengarten oder schoß mit Günther Oberst Spatzen, oder fuhr in die Stadt, oder mit Mutter ins Wittekindkonzert, Langeweile gab es kaum. Fast jeder Abend war gemütlich und nett bei Obersts auf der Veranda untergebracht. Nach Tisch wanderten Mutter u. ich dann für 1 Stunde oder länger hinüber.

 

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Aus dem Handschriftlichen übernommen von Nicoline Frfr. v. Ulmenstein, 

Archivarin der Familienverbandes derer von Gersdorff e.V.


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Auszüge aus den Fronttagebüchern des Gero Erdmann Robert Otto v. Gersdorff
17 Tage an der Front in Belgien, Verwundung und die Rückkehr aus einem grauenhaften Krieg.
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