Gunther v. Gersdorff

Gunther v. Gersdorff. Hier auf einem Bild von 1980. Er war Buch- & Kunsthändler in Düsseldorf.
Gunther v. Gersdorff. Hier auf einem Bild von 1980. Er war Buch- & Kunsthändler in Düsseldorf.

Das Leben des Gunther v. Gersdorff 

25.12.1922 -17.12.2009 

 

Er wurde am 25.12.1922 in Ditterswind geboren. Seine Eltern bewohnten das Schloss der Großeltern. Dort wuchs er mit seinem älteren Bruder Wigand, seiner älteren Schwester Luitgard und seinem jüngeren Bruder Leuther auf. Aus seinen Erinnerungen ergibt sich das Bild einer schönen Kindheit. Das Leben fand fast ausschließlich im Familienkreis statt. Dazu gehörten Besuche bei den Deusterschen Großeltern im Schloss Sternberg, wohin man mit der Kutsche fuhr.

 

Gäste für einen längeren Aufenthalt waren die Mutter des Vaters und dessen Schwestern. Sehr anschaulich erzählt er von den Erlebnissen in der Natur im Park des Schlosses oder bei den Ausflügen, die mit den Nachbarn in die Umgebung gemacht wurden. Es war wohl ein Leben, das man sich eher im 19. Jahrhundert vorstellen muss. Abends las der Vater den Kindern Gedichte und Balladen vor - Gunthers erste Berührung mit der Literatur. Manches Stück konnte er bis ins hohe Alter deklamieren. 

 

Auf einer Fahrt durch Franken 2005 mit der Familie zeigte er uns die ürte, die in seiner Kindheit wichtig waren. 1931 zog die Familie nach Coburg, da der Privatunterricht nicht mehr genügte. Die Buben wurden auf das traditionsreiche Gymnasium „Casimirianum“ geschickt. Dort wurde wirklich humanistische Bildung vermittelt, die Gunther Zeit seines Lebens geprägt hat. 1936 starb der Vater nach langer Krankheit. Die Familie musste nun vom Vermögen der Mutter leben und das war nicht gerade üppig. 1939 brach der Krieg aus, was Gunthers vorzeitigen Schulabschluss zur Folge hatte. 1941 meldete er sich freiwillig zur Nachrichtentruppe und wurde in Russland eingesetzt. Über diese Zeit hat er einiges berichtet, aber das Grauenhafte des Krieges wollte er im Erinnern nicht wiederbeleben - von der Schönheit der weiten russischen Landschaft, dem Leben in den Dörfern und auch von einigen amüsanten Begebenheiten hat er jedoch berichtet. Seine Division lag 300 km südöstlich von Stalingrad, als der Rückzug begann. Dem General Graf Schwerin ist es zu verdanken, dass die Division sich retten konnte. 

 

Über Rumänien kam er nach Frankreich, wo er die Invasion erlebte. Dort wurde er durch einen Splitter am Bein verwundet - ein .Heimatschuss“ - der ihn mit einigen Umwegen ins Lazarett nach Coburg brachte. Nach seiner Genesung schickte man ihn zu einer Funkerausbildung nach Magdeburg. Die Zerstörung dieser schönen Stadt erlebte er während seines Aufenthaltes dort. Danach gelang es ihm, zu seiner alten Einheit zurückzufinden um sogleich im Ruhrkessel eingeschlossen zu werden. Er wurde gefangengenommen und in das berüchtigte Lager Remagen gebracht. Diese Zeit und die schlimmen Zustände überlebteer nur, weil er dort mit Kameraden seiner Einheit, die er seit 4 Y:z Jahren kannte, eine Gruppe bildete, in der Vertrauen und gegenseitige Hilfe möglich war. Mitte August 1945 wurde er nach Coburg entlassen, zu seiner Mutter. 

 

Durch die Gefangenschaft war er total entkräftet und verdingte sich zunächst als Erntehelfer bei einem Bauern in der Nähe von Ditterswind. Später arbeitete er dann als „Hilfsarbeiter“ in einer Schreinerei in Coburg. Die Geldverhältnisse seiner Mutter wurden immer schwieriger und sie musste schließlich die Wohnung in Coburg aufgeben. Gunther baute ihr auf dem Grund seiner Tante ein kleines Häuschen aus Holz in der Nähe von Sternberg!Ufr. Dort lebte sie bis 1951. 

 

Im Frühjahr 1947 bewarb er sich am Holztechnikum in Rosenheim um einen Studienplatz. Damals galt die Regel: erst 2 Jahre beim Aufbau helfen - dann studieren. Das warfür Günther nicht möglich, denn er musste ja etwas verdienen. Um für seine Mutter an Geld zu kommen, wollte er einige Bücher verkaufen und geriet so an das Auktionshaus Karl & Faber in München. Sein Interesse an alten Büchern, bibliophilen ausgaben und Grafik hatte sich längst herausgebildet und auf seine Bewerbung hin konnte er im Juli 1947 seine Ausbildung als Antiquar beginnen. Seine Begeisterung für diesen Beruf hat nie nachgelassen und er hat sich ein sehr breites Wissen aneignen können. Durch einen Freund, der im Tegernseer Tal beheimatet war, lernte er die Tegernseer Gebirgswelt kennen. Jedes Wochenende fuhr er von München hinaus zu seinen Freunden, mit denen er die Freude an der Natur und am Gebirgswandern teilte. 

 

1951 hat er seine Mutter aus dem Holzhäuschen in Kreuther Tal geholt und sie konnte auf einem Bauernhof 3 Zimmer mieten. Gunther arbeitete nach wie vor bei Karl & Faber und fuhr am Wochenende ,,nach Hause“. So konnte er auch seine Mutter besser unterstützen. 1952 wechselte er in München zu Hugendubel und arbeitete dort im Antiquariat, wo ihm viele wertvolle Dinge, die er bearbeitete, durch die Hände gingen. 1954 kündigte er und verdingte sich im renommierten Antiquariat Wölfle. Mit seinem Arbeitsantritt hat er aber gleich seine Kündigung abgegeben, da wir beschlossen hatten, zu heiraten. 

 

Wir lernten uns 1954 bei „KaFa“ kennen, wo ich ein‘ Jahr als Volontärin arbeitete. Gunther besuchte seine ehemaligen Kollegen oft, und so wurden Bergwanderungen verabredet, die bald an jedem Wochenende zur Gewohnheit wurden. Unsere beruflichen Interessen deckten sich auch und so nahm unser Schicksal seinen Lauf. Am 5.2.1955 heirateten wir in Düsseldorf und nach einem längeren Studienaufenthalt in Paris trat Gunther in das Geschäft meines Vaters Hans Trojanski ein. Dort arbeitete ich schon seit 1945 als Buchhändlerin. Das „Buch- und Kunstkabinett Hans Trojanski“ war aber nicht nur auf den Buchhandel ausgerichtet, sondern auch auf alte und modeme Kunst, Plastiken und Ostasiatika. Letzteres wurde Gunthers Spezialgebiet. Er erwarb sich ein ausgezeichnetes Wissen über japanisches und chinesisches Kunsthandwerk. Seine gute Ausbildung als Antiquar half ihm sehr bei der Beurteilung alter Bilder und alter und neuer Grafik. In dieser Richtung konnte er seine Kenntnisse auf Einkaufreisen - meist auf Auktionen im In- und Ausland - erweitern1957 wurde unser Sohn Rupprecht geboren. Gunther hatte sich in Düsseldorf gut eingelebt und die rheinische Mentalität der Kunden kennengelernt. Da wir einen reinen Familienbetrieb hatten, konnten wir Familien- und Geschäftsleben gut miteinander vereinbaren. In den Schulferien machten wir Reisen mit Rupprecht an die Ost- oder Nordsee oder auch ins Gebirge mit Besuchen bei Gunthers Mutter. Sie besaß inzwischen ein kleines Haus in Kreuth. Solange mein Vater lebte, konnten Gunther und ich auch einige größere Reisen nach Griechenland, Frankreich und Italien unternehmen. 1971 wurde Gunther Geschäftsfiihrer, mein Vater harte sich schon etwas zurückgezogen. Er starb 1975. Gunther führte das Geschäft in traditioneller Weise weiter. Es war in Düsseldorf wirklich eine Institution und seine Aufgabe und Auflösung im Dezember 1988 wurde durchaus beklagt. Eine Weiterführung hätte auch wenig Sinn gehabt: Es standen größere Investitionen ab, wir hatten das Rentenalter erreicht und unser Sohn ging einen anderen Weg. Rupprecht hatte 1983 Beate Zeis geheiratet und die Familie vergrößerte sich um Dominik (1983), Sebastian (1986) und Christina (1991). Sie lebten immer in Oberbayem und da wir eine kleine Ferienwohnung am Schliersee hatten, konnten wir uns doch öfters besuchen. Die Enkel schätzten es sehr, in den Ferien nach Düsseldorfzu kommen und darüber waren wir sehr glücklich. 

 

Leider hatte Gunther seit zwanzig Jahren mit verschiedenen Krankheiten zu kämpfen. Drei Lungenembolien und ein gestörtes Immunsystem machten ihm immer wieder zu schaffen. Körperliche Anstrengungen konnte er immer weniger bewältigen während er geistig nach wie vor rege und anspruchsvoll war. Seine Interessensgebiete baute er mit großer Gründlichkeit und sehr vielschichtig aus. Es war ihm ja leider nicht mehr möglich den Ausgleich z.B. beim Wandern im Gebirge zu fmden. 

 

Das war nun der Zeitpunkt, an dem Gunther begann, sich intensiver mit der Gersdorff‘schen Familiengeschichte zu beschäftigen. Einiges hatte er aus dem Privatarchiv seines Vaters übernommen. Das baute er systematisch aus. Es ging ihm dabei nicht nur um die Genealogie, die natürlich immer das Gerüst war. Ihn interessierten die Hintergründe, das Zeitbild und die Menschen, die darin lebten. Er hat viele Aufsätze über diesen Themenkreis geschrieben, die zum größten Teil als Rundbriefe der Familie zugänglich gemacht wurden. Auch hierbei kam ihm wiederum seine Ausbildung als Antiquar zugute. Er schrieb und recherchierte mit unglaublicher Genauigkeit und merzte unerbittlich Fehler aus, wo er sie nur entdeckte. Eine umfangreiche Korrespondenz zeugt davon, Dinge an Licht zu holen, die ihm wichtig zur Abrundung seiner Schriften Waren. So ist im Laufe der Zeit ein umfangreiches Gersdorff‘sches Oevre entstanden. 

 

2003 entschlossen wir uns, ganz nach Oberbayem, in die Nähe unserer Familie, zu ziehen. Wir fanden eine passenden Wohnung in Rohrdorf, lösten unsere beiden anderen Wohnungen auf, und siedelten um. Uns trenten jetzt nur noch 2 km von Rupprechts Haus und das hat sich sehr bewährt. Kleine Reisen konnten wir in den ersten Jahren noch unternehmen, vor allem Ausflüge nach München. Leider ließen Gunthers körperliche Kräfte immer mehr nach, aber er hat sich bis zuletzt geistig beschäftigt und freute sich an interessanten Gesprächen im kleinen kreis.

 

Trotz seiner körperlichen Schwäche kam sein Tod für uns überraschend. Die vielen Briefe und spontanen Anrufe haben uns gezeigt, welche Bedeutung er auch für andere Menschen gehabt hat. Nun wird er seinen Frieden gefunden haben. Wir haben ihn im Gedenkwald bei Bad Feilnbach beigesetzt 

 

Erinnerungen von seiner Frau Ursula v. Gersdorff geb. Trojanski