Gersdorffscher Besitz im Jahre 1777

Grundbesitz der  Familie von Gersdorff  im Jahr 1777

Im Jahr 1777 wurde ein Grundbesitz- und Häuserverzeichnis der Oberlausitz erstellt. In ihm werden die Größen- und Besitzverhältnisse sämtlicher Rittergüter genau verzeichnet auf Grund der Erhebungen der Inhaber der jeweiligen örtlichen Grundherrschaft. Herr Professor Blaschke hat dieses Verzeichnis mit Anmerkungen neu herausgegeben und die Flurgrößen in Hektar umgerechnet, eine Arbeit, für die wir ihm Dank schulden! 

 

Als Besitz der Familie von Gersdorff sind in diesem Verzeichnis 107 Rittergüter und Teile von Rittergütern ausgewiesen mit einer Gesamtfläche von über 43 Quadratkilometern! Dabei sind Liegenschaften von über 2000 Hektar bis zu Kleinstanteilen von einem einzigen Haus, das heißt einem erbuntertänigen Arbeiter. Da diese oft winzigen Anteile in der mir zugänglichen Literatur nur selten separat aufgeführt werden, ist es mir unmöglich den jeweiligen Besitzer genau zu ermitteln. Aus diesem Grund ist die Aufschlüsselung nicht in allen Fällen eindeutig, es sind einige Fragezeichen mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht aufzuklären.

 

170 Jahre später, am Ende des zweiten Weltkrieges, war von diesem ganzen Besitz nur noch ein Rittergut übrig mit etwas über 500 Hektar. Die Frage drängt sich auf: Was ist aus diesem doch recht beachtlichen Besitz geworden, wie kam er aus den Händen der Familie von Gersdorff in die Hände andere Familien? Ich habe versucht zu ermitteln wann die einzelnen Liegenschaften in den Besitz anderer Familien übergegangen sind. Ich habe genau unterschieden zwischen dem, was von den hier aufgeführten Besitzern oder ihren Gersdorffschen Erben verkauft wurde und dem, was als Erbe an verwandte Familien gegangen ist. 

 

 

In dem genannten Verzeichnis werden die folgenden Mitglieder der Familie von Gersdorff mit ihrem Besitz aufgeführt: 


Baruth - das Schloss der Prinzen Lippe wurde 1950 gesprengt Sächsische Landesbibliothek, Staats und Universitätsbibliothek Dresden, Abt. Deutsche Fotothek
Baruth - das Schloss der Prinzen Lippe wurde 1950 gesprengt Sächsische Landesbibliothek, Staats und Universitätsbibliothek Dresden, Abt. Deutsche Fotothek
Mücka - Herrenhaus in Micka, Zeichnung von Johann Gottfried Schultz, angefertigt am 23. Sept. 1795
Mücka - Herrenhaus in Micka, Zeichnung von Johann Gottfried Schultz, angefertigt am 23. Sept. 1795

Er fiel im Alter von 34 Jahren unverheiratet und kinderlos 1787 im Duell gegen einen Grafen v. Baudissin. Einen Teil des Besitzes erbte seine Schwester Friederike Henriette Gräfin v. Hohenthal und den Rest seine Mutter Eleonore Henriette, wiedervermählte Gräfin v. Einsiedel, geb. v. Ponickau. Dieser Gersdorffsche Besitz wurde in den Familien der Grafen Hohenthal und Einsiedel weitervererbt.


Särichen - Herrenhaus Särichen. Rückansicht. Zeichnung von Johann Gottfried Schultz, angefertigt am 19. Jul. 1797
Särichen - Herrenhaus Särichen. Rückansicht. Zeichnung von Johann Gottfried Schultz, angefertigt am 19. Jul. 1797


Meffersdorf - Herrenhaus in Meffersdorf, Ansicht der Westfassade, Johann Gotthelf Rothe, um 1766, kolorierte Federzeichnung, Archiv der Brüder-Unität Herrnhut
Meffersdorf - Herrenhaus in Meffersdorf, Ansicht der Westfassade, Johann Gotthelf Rothe, um 1766, kolorierte Federzeichnung, Archiv der Brüder-Unität Herrnhut


Uhyst - das Neue Schloss um 1860, Lithografie aus der Sammlung Alexander Dunckers
Uhyst - das Neue Schloss um 1860, Lithografie aus der Sammlung Alexander Dunckers


Lautitz - Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen, von 1854 bis 1861 von Gustav Adolf Poenicke, III: Markgrafenthum Oberlausitz. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1859
Lautitz - Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen, von 1854 bis 1861 von Gustav Adolf Poenicke, III: Markgrafenthum Oberlausitz. Expedition des Albums Sächsischer Rittergüter und Schlösser, Leipzig 1859



Pulsnitz - Schloss in der Oberlausitz. Heute Klinikum/Sanatorium
Pulsnitz - Schloss in der Oberlausitz. Heute Klinikum/Sanatorium












Altseidenberg - Zeichnung, Wolfgang Sturt
Altseidenberg - Zeichnung, Wolfgang Sturt









 

Dies ist jedoch nicht der Besitzstand der Familie, denn diesem immensen Verlust an Familienbesitz stehen natürlich auch Ankäufe durch Familienmitglieder gegenüber, die hier nicht berücksichtigt sind. 

 

In anderen Deutschen Territorien gibt es Familien, die 600 und 800 Jahre auf demselben Gut gesessen sind. Warum gibt es das in der Oberlausitz nicht?

 

Der einzige Besitz, der viele Jahrhunderte in den Händen unserer Familie war, war Baruth, das wohl ursprünglich Standesherrschaft war. Aber auch Baruth wurde innerhalb der Familie verkauft und ging durch den frühen und kinderlosen Tod des letzten Grafen v. Gersdorff aus der Malschwitzer Linie an dessen Schwester und wiederverheiratete Mutter und somit an andere Familien.

 

Anhand der wenigen Preise, die in der Literatur überliefert werden, läßt sich eine ausgesprochene Güterspekulation vermuten, die von vielen Grundbesitzern betrieben wurde. Leider ist nichts zu erfahren über die finanzielle Ausstattung der Eigentümer. Es wird nur immer wieder auf Zwangsversteigerungen gekauft, was ja besagt, daß dem Vorbesitzer die Schulden über den Kopf gewachsen sind und das entsprechende Gut voraussichtlich ziemlich heruntergewirtschaftet wurde.

 

Die Güter wurden zwar meist noch zu Lehn verreicht, aber der Vorbesitzer mußte finanziell abgefunden wurde. Die Erbuntertänigkeit der Bauern mit geringen Frondiensten war praktisch zur Leibeigenschaft mit ungemessenen Diensten verkommen. Und die Landwirtschaft wurde betrieben, wie sie seit Jahrhunderten betrieben wurde: als Dreifelderwirtschaft mit Viehweide und wenig Stallfütterung und folglich wenig Dünger. Preußen hatte Sachsen durch die Besetzung im Siebenjährigen Krieg von einem blühenden Gemeinwesen zu einem Entwicklungsland zurückgeworfen. Es lag also alles im Argen!

 

1773 hatte Carl Adolf Gottlob von Schachmann seine Bauern aus der Erbuntertänigkeit entlassen und als erster einen Schritt zu einem humanen Miteinander getan, der aber von den meisten Großgrundbesitzern heftig kritisiert wurde. Nur Adolf Traugott v. Gersdorf folgte ihm 1779 nach. Beide versuchten sie damals neue Erkenntnisse zur Verbesserung der Landwirtschaft auf ihren Gütern umzusetzen und hatten dabei auch beachtliche Erfolge. Aber die meisten Agrarier blieben bei ihren „bewährten“ mangelhaften Methoden.

 

Der auf Grundbesitz angewiesene Adel war also nicht auf Rosen gebettet und wenn er in seinem Betriebe die neuen Erkenntnisse der Landwirtschaft umsetzten wollte, dann brauchte er dafür auch Kapital, um die durch die Umstellung entstehende Durststrecke zu überwinden. Wenn er aber bereits mit Schulden angefangen hatte, dann waren ihm in Vielem die Hände gebunden und er konnte nicht modernisieren!

 

Mein Urgroßvater hatte noch einen beachtlichen Grundbesitz. Allein die beiden Güter Rothenburg (2680 Morgen) und Noes (1620 Morgen) wurden bei seinem Tod mit allem Zubehör auf 200 bis 220tausend Taler geschätzt. Dem standen 67.600 Taler Schulden gegenüber, ferner die Verpflichtung die jüngste Schwester mit 30tausend Talern auszustatten und „nicht unbeträchtliche Renten“, die abgelöst werden mußten.

 

Von seinen sechs Kindern waren die beiden ältesten Töchter verheiratet und folglich versorgt. Der älteste Sohn Gustav besaß bereits das Gut Niederwellersdorf und wird folglich an dem gemeinschaftlichen Erbe einen geringeren Anteil gehabt haben. Ein Jahr nach dem Tod seines Vaters verkaufte er 1856 Niederwellersdorf und kaufte dafür Ober-Horka für 92.000 Taler. Er trat seinen Anteil an den ererbten Gütern seinem Bruder Otto ab, baute das Schloss in Ober-Horka aus und um und ging 1858 in Konkurs. Er wurde Brunnendirektor in Bad Pyrmont. Otto besaß Rothenburg nur bis 1862 und verkaufte es dann. Er war dreimal verheiratet, welcher Profession er nachging ist nicht überliefert.

 

Mein Großvater verkaufte das von seinem Vater ererbte Gut Groß-Krauscha 1868, trat dann bei einem anderen Landwirt in die Lehre, um Landwirtschaft zu erlernen und pachtet danach eine staatliche Domäne. Ich frage mich, warum behielt er nicht sein Gut, um es selbst zu bewirtschaften? Ich weiß allerdings nicht, in welchem Zustand befand sich das Gut und welche Schulden und Verpflichtungen mußte er mit dem Gut übernehmen. Dazu war er noch minderjährig und auf seinen Vormund angewiesen. Weder mein Großvater noch seine Brüder haben einen nennenswerten Besitz erworben und hinterlassen.

Gunther von Gersdorff

 

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Literatur:

Blaschke, K. Atlas … v. Sachsen, Beiheft Oberlausitz u. Stolpen 1777. Lzg 2005

v. Boetticher, W. Geschichte d. OL Adels u. s. Güter 1635-1815. 4 Bde. Görl. 1912-23

Gothaisches Genealog. Taschenbuch, Uradel, 1923

Lemper, E.-H. C.A.G. v. Schachmann. Görlitz 2001

Leske, N.G. Reise nach Sachsen. Lzg. 1775

Müller-Holscher, Horka. 2005

Akten des ehemal. Kgl. Heroldamtes, Auszüge

Notizen meines Vaters


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Grundbesitz derer v. Gersdorff im Jahre 1777
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